"Aufmerksame Einfühlung von Geist mit Geist"

John Henry Newmans Begriff der Bildung an einer katholischen Universität

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In seinem Vortrag “Eine Form heutiger Untreue" (1854) an der katholischen Universität in Dublin spricht Newman von der “offenen Entwicklung des Unglaubens in Deutschland" und “seiner wachsenden Dreistigkeit in England" und sagt, daß “im Zeitalter des Intellekts Unglaube in einer gewissen Gestalt unvermeidbar ist."[1] Er betont den großen Vorteil einer solchen Situation; denn wenn “der Unglaube seine Stimme erhebt ... kann auch der Glaube seine Meinung sagen ... In einem solchen Zeitalter ist es möglich, eine Universität zu gründen, die entschiedener katholisch ist, als man sie im Mittelalter hätte errichten können, weil die Wahrheit gerade angesichts des Unglaubens, der sich so schamlos brüstet, sich sorgfältig verwurzeln, ihr Bekenntnis streng definieren und ihre Farben eindeutig entfalten kann".[2] Dies scheint für Newman in einem Zeitalter offenen Unglaubens eine notwendige Einstellung, weil Christen in einer solchen Gesellschaft einer bestimmten Richtung der Philosophie und bestimmten Richtungen der Naturwissenschaften gegenübertreten müssen, welche die Erwartung hegen, daß die Ergebnisse ihres Denkens und Forschens eines Tages die Unhaltbarkeit der christlichen Botschaft beweisen, ihre Tradition und ihren Inhalt als falsch erweisen und schließlich wissenschaftlich demonstrieren werden, daß es außer der materiellen Welt nichts gibt. “Sie sind von der Annahme voreingenommen, daß die letzten Wahrheiten, die im Mesmerismus verkörpert werden, mit Sicherheit alle Wunder des Evangeliums lösen werden; oder daß das Niebuhrisieren2a der Evangelien oder der Kirchenväter ein einfaches Mittel ist, das gesamte katholische System der Lächerlichkeit preiszugeben. Und sie stellen sich vor, daß das ewige unveränderliche Wort Gottes vor dem durchdringenden Verstand des Menschen den Mut aufgeben und zunichte gemacht werde."[3]

 

In der Tat vertraut die neue Richtung der Philosophen darauf, daß die Naturwissenschaften sich mit “berührbaren Tatsachen, praktischen Ergebnissen, ständig wachsenden Entdeckungen und laufenden Neuigkeiten befassen, die die Neugierde nähren, die Aufmerksamkeit wachhalten und die Erwartung reizen, so daß sie - so nehmen sie an -nur gerechte Voraussetzungen und keine günstigen Umstände brauchen, um jene alte Wahrheit, die sich niemals verändert und nur vorsichtig voranschreitet, im Wettlauf um Popularität und Macht hinter sich zu lassen. Und darum schauen sie nach dem Tag aus, an dem sie die Religion erledigt haben werden, nicht indem sie ihre Schulen schließen, sondern leeren; nicht indem sie deren Grundsätze bestreiten, sondern indem sie den höheren Wert und die Überzeugungskraft ihrer eigenen erweisen".[4]

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Da Newman eine so klare Vision von der Entwicklung hatte, die die Religion in einer demokratischen und säkularisierten Gesellschaft nehmen würde, mag es trotz der Tatsache, daß zur aggressiven Einstellung der Kirche gegenüber heutzutage eine indifferente gekommen ist, von einigem Interesse sein zu erfahren, welches Bildungskonzept er verfolgte, als er im Jahre 1852 in Dublin die Grundlagen für eine katholische Universität legte und im Jahre 1859 in Birmingham ein Gymnasium (Grammar School) gründete.

 

Die meisten Leute in dieser Welt haben mit Erziehung zu tun, aber nur wenige wissen, wie schwierig es ist zu definieren, was Erziehung bzw. Bildung sind. Newman kämpfte mit dieser Schwierigkeit während des Sommers 1852 in Dublin, als er seine Vorträge konzipierte, die später ein Teil seiner “Idea of a University" wurden.[5] Er schrieb im Juni an einen Freund: Die Vorlesungen “haben mich - niemand weiß wieviel Gedanke und Sorge gekostet -; und immer wieder habe ich aufgehört, gänzlich unfähig, mit meinem Gegenstand weiterzukommen ... Drei Tage lang saß ich fast vom Morgen bis zur Nacht an meinem Schreibtisch und habe nachts als wertlos weggeworfen, was ich den ganzen Tag über gemacht hatte. Dann gab ich es auf..." Er bittet seinen Freund: “Erlange mir das Licht der göttlichen Gnade, daß ich sagen möge, was nützlich und wahr ist, sonst nichts."[6]

Was Newman über die Universitätsbildung zu sagen hat, ist in gewisser Weise in seinem Discourse V, der letzten Vorlesung, die er in der Rotunda in Dublin hielt, zusammengefaßt. Er nannte sie universales “Wissen als Selbstzweck". Ich nehme mehr oder weniger diese Vorlesung als Grundlage für meine Bemerkungen über Newmans Bildungsbegriff. Mir scheint, daß es in Newmans differenzierter Auffassung von dem, was Bildung sein soll, zumindest sieben Prinzipien gibt.

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Teilhabe am universalen Wissen

Es ist ein grundlegendes Prinzip der Bildung, Leuten eine allumfassende Sicht der Welt zu geben und ihnen die gegenseitige Abhängigkeit (Interdependenz) aller Wissenschaften bewußt zu machen.

Nach Newmans Auffassung sind “alle Zweige des Wissens untereinander verbunden, weil der Gegenstand des Wissens, nämlich die Taten und das Werk des Schöpfers, aufs engste unter sich verbunden sind. Daher kommt es, daß die Wissenschaften, in denen, wie man sagen kann, unser Wissen Gestalt gewinnt, in mannigfachen Beziehungen zueinander stehen ... Sie ergänzen und berichtigen einander und halten sich im Gleichgewicht. Diese Überlegung ist, falls sie sich als begründet erweist, sehr wohl in Betracht zu ziehen, nicht nur in Bezug auf Wahrheitsfindung, die ihr gemeinsames Ziel ist, sondern auch hinsichtlich ihres Einflusses auf die, deren Bildung im Studium eben dieser Wissenschaften besteht."[7]

 

Newmans Verständnis universitärer Bildung liegt die Annahme voraus, daß eine Universität “universales Wissen lehren sollte",[8] daß kein Bereich des Wissens ausgeschlossen werden darf. “Das Prinzip, für Wissen zu werben und es um seiner selbst willen zu vermitteln, habe ich das universale Prinzip genannt."[9] “Die Ansammlung der Wissenschaften, die zusammen universales Wissen ausmachen, ist keine zufällige oder veränderliche Menge von Erwerbungen, sondern ein System ... Eine Wissenschaft wirkt immer auf die andere ein ... und die einzige Garantie der Wahrheit ist die Kultivierung von allen. Und dies ist das Geschäft einer Universität."[10] A. D. Culler bringt in seiner “Studie von Newmans Bildungsideal"[11] die Voraussetzungen von Newmans Gedanken in einem eleganten Syllogismus zusammen: “Wenn man annimmt, daß die Wirklichkeit eine ist und daß das Wissen sich auf Wirklichkeit bezieht, dann ist auch das Wissen eins, und es ist nur in verschiedene Wissenschaften geteilt wegen der Begrenztheit des menschlichen Geistes."[12] Wenn es und da es diese Interdependenz aller Wissenschaften gibt, “gibt es keine Wissenschaft, die, als Teil eines Ganzen gesehen, nicht eine andere Geschichte erzählt als die, die sie vorbringt, wenn sie für sich allein genommen wird", sagt Newman.[13] Er illustriert dies an der Kombination von Farben: Die verschiedenen Wirkungen, die sich aus der Unterschiedlichkeit ihrer Auswahl und Aneinanderreihung ergeben, zeigen, wie der “Grundzug und die Bedeutung eines Wissensbereiches sich je nach dem Kontext, in dem er dem Studierenden vorgestellt wird, verändert".[14] Wenn sich folglich sein “Studium lediglich auf ein einziges Fach beschränkt, so führt dies ... zu einer Verengung seines Gesichtskreises".[15] Gleichwohl erwartet Newman nicht, daß die Studentinnen und Studenten alle Fächer studieren, die ihnen an einer Universität zugänglich sind. Vielmehr “werden sie allein schon dadurch gewinnen, daß sie mit und unter denjenigen leben, die den gesamten Umkreis des Wissens darstellen ... So wird eine geistige Atmosphäre geschaffen, deren reine, klare Luft auch der Studierende atmet, wenn er selbst sich auch nur mit einigen wenigen aus der großen Zahl der Wissenschaften näher vertraut machen kann".[16]

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Aneignung von Wissen

Das zweite bedeutende Prinzip von Newmans Bildungstheorie betrifft die Vemittlung und Aneignung von Information.

 

“Wenn ich von Wissen rede', sagte Newman, “meine ich etwas Verstandesmäßiges, welches das, was die Sinne darbieten, erfaßt und begreift, welches mehr sieht als die Sinne ihm zutragen, und die Dinge untersucht und prüft. Es denkt nach über das, was es sieht - und während es sieht - und verbindet dies mit einer Idee."[17] Das rein passive Empfinden, von dem Newman sagt, “Tiere scheinen es zu besitzen", verdient nicht den Namen von Erkenntnis bzw. Wissen.

 

“Oberflächliches Kennenlernen" von Chemie und Theologie kann nicht als Kenntniserwerb bezeichnet werden; “eine Ahnung von hundert Dingen oder ein gutes Gedächtnis für Einzelheiten ist keine philosophische oder umfassende Einsicht... Fertigkeiten und Kenntnisse sind nicht Bildung".[18]

Diese Art der Begegnung mit Gegenständen der Wirklichkeit bringt kein Wissen in dem Sinne hervor, wie es Newman versteht, weil sie “den Verstand nicht formt und kultiviert". Nach seinem Maßstab sagt er: “Bildung (als Prozeß, G. B.) ist ein anspruchsvolles Wort; es besagt die Bereitschaft zum Wissen und die Mitteilung des Wissens im Verhältnis zu dieser Bereitschaft. Wir benötigen zum Erkennen ebenso dringend die geistigen wie zum Sehen die körperlichen Augen. Wir bedürfen geistiger Objekte und geistiger Organe. Wir werden sie nicht erlangen, ohne uns darum zu bemühen."[19] “Solche Erkenntnis ist nicht nur ein äußerlicher oder zufälliger Vorteil, der heute uns und morgen einem anderen gehört, der aus einem Buch gewonnen und leicht wieder vergessen werden kann, den wir nach Belieben gebrauchen oder mitteilen, den wir gelegentlich borgen, in der Hand umhertragen und auf den Markt bringen können; (nein,) sie ist eine erworbene Erleuchtung, sie ist ein Zustand, ein persönlicher Besitz, eine innere Ausstattung."[20] Aus diesem Grund unterscheidet Newman zwischen Lehre und Bildung, und deshalb nennt er die Universität eine Bildungsstätte. Durch Lehren kann man Methoden erlernen, körperliche Übungen, Künste, Geschäftsverfahren usw. Der Unterschied zwischen Kenntnis und Bildung könnte Newmans Unterscheidung entsprechen, wenn er seinen Gedanken so weiterführt: “Bildung (.. .) ist ein höheres Wort. Sie besagt wesentlich eine Einwirkung auf die geistige Seite unserer Natur und die Formung des Charakters; sie hat etwas Beständiges und Persönliches an sich. Man spricht gewöhnlich von ihr in Verbindung mit Religion und Tugend. Wenn wir also von der Mitteilung des Wissens als von Bildung reden, so meinen wir damit eigentlich, daß diese Bildung einen Zustand oder eine Verfassung des Geistes darstellt. Da nun die Geistesbildung sicherlich wert ist, um ihrer selbst willen erstrebt zu werden, so gelangen wir damit zu der... Schlußfolgerung, ... daß es eine Bildung gibt, die auch dann schon wünschenswert erscheint, wenn sich aus ihr nichts weiteres ergibt als daß sie ein Schatz an sich ist und genug Belohnung für Jahre der Mühe und Arbeit."[21]

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Weitung des Geistes

Ein drittes Bildungsprinzip, das zum Wissenserwerb in Bezug steht, ist die spezifische Qualifikation des Geistes wie sie gerade angesprochen wurde.

 

Newman betont, daß es sich bei der Weite des Geistes um das handelt, was in einer Zeit der Aufklärung als die besondere Frucht der Bildung bezeichnet wird. Aber seine Absicht ist konkreter: “Die Weitung (des Geistes, G. B.) besteht nicht nur darin, daß der Geist rein passiv eine Anzahl gewisser unbekannter Ideen in sich aufnimmt, sondern darin, daß er sich gleichzeitig an und unter den neuen, auf ihn eindringenden Ideen kraftvoll betätigt. Sie ist das Wirken einer formschaffenden Kraft, die den von uns erworbenen Wissensstoff in sinnvoller Weise sichtet und ordnet. Sie ist der Vorgang, der die Gegenstände unserer Erkenntnis zu unserem persönlichen Eigentum macht oder, um ein vertrautes Bild zu gebrauchen, sie ist eine Verdauung dessen, was wir aufnehmen (und) der Substanz unseres bisherigen Gedankengutes (einverleiben). Ohne dieses ist mit keiner Weitung des Geistes zu rechnen. Es gibt keine Weitung, wenn die Eindrücke (Ideen), so sie vor den Geist kommen, nicht miteinander verglichen und systematisch geordnet werden. Erst dann fühlen wir, daß unser Geist wächst und sich weitet, wenn wir nicht bloß lernen, sondern das neu Gelernte mit dem, was wir schon wußten, in Beziehung setzen."[22]

Wer würde bei diesen Worten nicht an moderne Lerntheorien erinnert werden, wie sie beispielsweise in David P. Ausubels “Psychology of meaningful verbal Learning"[23] entfaltet werden oder in Jerome S. Bruners “Toward a Theory of Instruction"?[24] In Newmans Horizont geht es jedoch um die menschliche Person auf ihrer Suche nach der Wahrheit (in der Wirklichkeit), während moderne Entwürfe sich auf Lernziele zu Fertigkeiten und Fähigkeiten für den Homo Faber beschränken.

 

Newmans Absicht, eine Allgemeinbildung zu beschreiben, zielt auf “jenes Zentrum unseres Geistes, auf das die ganze ständig sich mehrende Masse unserer Erkenntnisse, das vorhandene und das neu erworbene Wissen als ihren Schwerpunkt hinstreben. “Daher ist nur der ein wahrhaft großer Geist", - Newmans exemplarische Namen sind Aristoteles, Thomas von Aquin, Isaac Newton und Johann Wolfgang Goethe, also sowohl “innerhalb wie außerhalb der katholischen Grenzpfähle" - “der alles, Altes und Neues, Vergangenes und Gegenwärtiges, Entferntes und Naheliegendes in einem großen Zusammenhang erschaut und einen Einblick in die gegenseitige Einwirkung all dessen aufeinander hat; ohne das gibt es kein Ganzes und keinen Mittelpunkt. Er besitzt ein Wissen nicht nur von den Dingen selbst, sondern auch von ihren wechselseitigen tatsächlichen Beziehungen, ein Wissen, das nicht nur als erworbene Kenntnis, sondern als Geistesbildung (philosophy) anzusehen ist".[25]

Versuchen wir eine Anwendung von Newmans Theorie der Weitung des Geistes auf seine eigenen Arbeiten. Es gibt viele Beispiele, die aus seinem eigenen Leben und seinen Werken dazu angeführt werden können. Sieben Jahre vor seinen Vorlesungen in Dublin erläutert er den Umgang mit Ideen, als er 1845 seine Auffassung von der christlichen Lehre beschrieb und das “Funktionieren" des christlichen Geistes. Er bezeichnete die neue Einsicht, die er in das Wachstum der christlichen Lehre im Verlauf der Geschichte der Kirche gewonnen hatte, als Entwicklung. Seine Analogie zwischen Lehrentwicklung und Weitung des Geistes war das Umschreiten jener Idee, die man von verschiedenen Seiten betrachten kann als wäre sie ein Gegenstand. Je mehr Perspektiven die Christen gewannen und je mehr die Kirche in ihren Konzilien das, was sie im Kampf mit den Häresien lernte, in Beziehung setzte zu dem, was sie bereits wußte, um so reicher wurde die Erkenntnis des ursprünglichen Evangeliums. Der Geist der Kirche dringt in die göttliche Offenbarung ein und gewinnt mehr und mehr Wissen von einer Wirklichkeit, die sich selbst dabei nicht verändert. Ursprünglich hatte Newman diesen Vorgang an dem Prozeß in Marias Geist illustriert, von dem das Lukasevangelium sagt: “Maria bewahrte all diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen" (Lk 2,19).[26] Allem Anschein nach gibt es hier zwischen Newmans Theorie der Entwicklung der christlichen Lehre (von 1845) und seiner Bildungstheorie (von 1852) einen strukturalen Zusammenhang.

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Bildung als interpersonaler Vorgang

Newmans Forderung: “Eine Universität ist der üblichen Bezeichnung nach eine Alma mater, die jedes ihrer Kinder kennt, keine Fabrik, keine Werkstatt und keine Tretmühle" ist sicherlich eine große Herausforderung unserer deutschen Situation sowohl an Universitäten wie auch auf der Ebene der Schulen.[27]

 

Eine eindrucksvolle Beschreibung der Methoden für die Wissensvermittlung an Studierende an Universitäten, findet sich in Newmans kleinem Essay “Was ist eine Universität?" von 1854. Danach ist die Universität ein Studium Generale oder eine “Schule universalen Lernens", Studenten kommen von überall her und lernen an der “gegenseitigen Erziehung und Bildung im weiten Sinn des Wortes ..., (wo) eine Generation die andere formt, (teilzunehmen); und in der jeweiligen Generation wirken die Persönlichkeiten ihrer einzelnen Mitglieder... aufeinander ein und reagieren auf diese Einwirkung".[28] Newman ist der Auffassung, daß dieses lebendige Gespräch viel wichtiger und wirkungsvoller ist als Bücher. Er betont, daß er die Bedeutsamkeit von Büchern als zuverlässige Instrumente, welche Kultur und Wissenschaft weitergeben, keineswegs unterschätze, aber sie seien eine Art Voraussetzung und Ergänzung des Erziehungs- und Bildungsprozesses. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu wissen, daß Newman in seinen frühen Zwanzigern von seinem Kollegen Edward Hawkins, einem Mitfellow vom Oriel College in Oxford lernte, daß mündliche Tradition das Instrument war, mit dessen Hilfe die göttliche Überlieferung in der Geschichte der Menschheit weitergegeben wird, und daß die Heilige Schrift im Mitteilungsprozeß als Bestätigung fungiert habe. Dieses Modell der Wahrheitsweitergabe in der Kirche ist nicht nur von unterschwelliger Bedeutung für Newmans Begriff des Lehrens und Lernens an der Universität. Er vergleicht in seinem Essay “Was ist eine Universität?" die Methode der universitären Bildung ausdrücklich mit der Katechese. “Wenn wir in einem Bereich des Wissens, der differenziert und kompliziert ist, genau und in vollem Maße ausgestattet werden wollen, müssen wir den lebendigen Menschen befragen und seiner lebendigen Stimme zuhören... Kein Buch kann die Unzahl kleiner Fragen, die über ein ausgedehntes Stoffgebiet gestellt werden können, erfassen oder gerade die Schwierigkeiten, die von jedem Leser der Reihe nach in verschiedener Weise erspürt werden, zutreffend darstellen. Oder auch: Kein Buch kann den besonderen Geist und die genauen Einzelheiten seines Gegenstandes mit jener Schnelligkeit und Sicherheit darbieten, die aus der aufmerksamen Einfühlung von Geist mit Geist erfolgt, durch die Augen, den Blick, die Betonung und das Benehmen, in beiläufigen Ausdrücken, die aus dem Augenblick hingeworfen werden und in ungekünstelten Wendungen vertrauten Gespräches."[29] - “Das religiöse Lehren selbst liefert uns eine Illustration" insofern als “sein großes Instrument bzw. Organ je und je das gewesen ist, was die Natur in jeglicher Erziehung und Bildung vorschreibt, die persönliche Anwesenheit eines Lehrers oder in theologischer Sprache mündliche Überlieferung. Es ist die lebendige Stimme, die atmende Gestalt, das ausdrucksvolle Gesicht, welches predigt, welches katechisiert."[30]

 

Newmans Vision kommt in der Sprache seiner Zeit zum Ausdruck, wenn er sagt, daß die Studierenden “eine geistige Daguerreotypie entdecken müssen, die den Ursprung des Gedankens und die Form, die Umrisse und die Züge der Wahrheit so vollständig und genau aufnehmen muß, wie das optische Instrument, das sinnliche Objekt wiedergibt".[31] In einer Art Zusammenfassung unterscheidet Newman zwischen geschriebener Information und mündlicher Einführung in die feineren Strukturen der Wahrheit, wenn er sagt: “Die allgemeinen Prinzipien eines jeglichen Studiums mögen sie zu Hause durch Bücher lernen; aber die Einzelheit, die Farbe, den Ton, die Atmosphäre, das Leben, das es in uns zum Leben bringt, all dies müssen sie von denjenigen aufschnappen, in denen es bereits lebt."[32] Nach Newmans Bildungskonzept findet man die Wahrheit an der Kreuzung zwischen individueller Einsicht oder Erleuchtung, wie er es nennt, und der Teilhabe an der Tradition der Menschheitsgeschichte. Der springende Punkt seiner Darlegung scheint mir in den Worten zum Ausdruck zu kommen: “Sie müssen das Leben von denen aufschnappen, in denen es bereits lebt" und in der Tatsache, daß “der besondere Geist und die feinen Besonderheiten" der Wahrheit bei “der Einfühlsamkeit von Geist mit Geist" vermittelt werden.

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Newmans Modell der interpersonalen Methode, (universitäre) Bildung zu vermitteln, kann an drei verschiedenen Stellen seines Lebenswerkes nachgewiesen werden:

 

(1) In seinen “Vorlesungen über die gegenwärtige Lage der Katholiken in England, gerichtet an die Brüder des Oratoriums, im Sommer 1851 entfaltete Newman ein Manifest der katholischen Laienschaft, das als die Basis christlicher Erwachsenenbildung bezeichnet werden kann. Er sagte: “Ich wünsche mir eine Laienschaft ..., die ihr Glaubensbekenntnis so gut kennt, daß sie darüber Rechenschaft geben kann ... Ich wünsche mir eine intelligente, gut unterrichtete Laienschaft... In allen Zeiten waren die Laien das Maß des katholischen Geistes".[33] In Jenen Vorlesungen erklärte Newman: “Es ist unmöglich zu lernen, was der katholische Geist ist, wenn man nicht in lebendigen Kontakt mit Katholiken eintritt, mit ihrer Tradition. Jemand, der wissen möchte, wer sie sind, muß mit ihnen leben." Dann “hat er die Worte gehört, die Taten gesehen, das Benehmen beobachtet, die Atmosphäre geatmet und so die wahre Idee des Volkes aufgefaßt; in anderen Worten - ihre Tradition erlernt. Das ist es, was Katholiken unter Tradition verstehen und weshalb sie sich so sehr nach ihr richten. Sie beweist dem Betreffenden nicht unsere Lehren, aber sie wird ihm in einer Weise, wie es kein anderer Vermittler ihm sagen kann, erzählen, was unsere Lehren sind... Sie ist mehr: unser denkendes, unser sprechendes, handelndes Selbst; unsere Prinzipien, unsere Urteile, unsere Verfahrensweise... Sie können kein Photo (Daguerreotypie) des Verstandes, der Zuneigung und des Willens haben ... Wenn Sie die wirkliche Sache haben wollen, was die Menschen sind (d. h. die Katholiken, G. B.), was Sie denken, was Sie tun, schließen Sie Ihre Bücher, besorgen Sie sich eine Fahrkarte für den ersten Zug, fahren Sie über den Kanal, tauchen Sie in sie ein, trinken Sie sie .. ."[34] Ich denke, es wird schwierig sein, zu leugnen, daß diese Verbindung von Tradition und Lernen in Newmans Vorstellung war, als er in seinem Essay “Was ist eine Universität?" sagte: “Sie müssen den Französisch- oder Deutschstudenten nachahmen, der sich nicht mit seiner Grammatik zufrieden gibt, sondern nach Paris geht oder nach Dresden; Sie müssen sich ein Beispiel an dem jungen Künstler nehmen, der danach strebt, die großen Meister in Florenz und Rom zu besuchen."[35]

 

(2) Es war während der Zeit als Newman die Kirchengeschichte des 4. Jahrhunderts mit dem besonderen Interesse an der arianischen Häresie für sein Buch “Die Arianer des 4. Jahrhunderts" studierte, als er seine Fünfte Oxforder Universitätspredigt hielt. Das war am 22. Januar 1832, und er nannte sie “Persönlicher Einfluß als Mittel zur Verbreitung der Wahrheit des Evangeliums". In dieser Predigt entwickelt er seine Unterscheidung zwischen geschriebenem Dokument und lebendigem Zeugnis. “Fast ohne Schwierigkeiten bringen die Menschen es fertig, Prinzipien zu verhöhnen, Bücher lächerlich zu machen, den Namen guter Menschen dem Spott preiszugeben. Aber ihre Gegenwart können sie nicht ertragen. Der personifizierten Heiligkeit können sie nicht gleichmütig gegenübertreten; sie werden nicht damit fertig."[36] Er geht sogar so weit zu sagen, daß “das inspirierte Wort im allgemeinen nur ein toter Buchstabe bleibt, wenn es dem anderen nicht seinen Geist übermittelt".[37] Newman sieht deshalb für die Kirche keine Schwierigkeit oder Gefahr, wenn die Zeugen und Lehrer der Wahrheit nur wenige sind, denn im Blick auf die Geschichte des 4. Jahrhunderts war es “sogar ein einziger Mensch, (weicher) der Kirche ein Bild so aufgeprägt hat, daß es durch Gottes Barmherzigkeit nicht verschwinden wird, so lange die Zeit dauert". “Eine kleine Schar hochbegnadeter Menschen wird die Zeit retten für die kommenden Jahrhunderte.”[38] Vor diesem Hintergrund ist die berühmte Argumentation über den interpersonalen Einfluß als Prinzip des Lehrens und Lernens der Wahrheit zu verstehen: “Sie (die Wahrheit des Evangeliums, G. B.) hat sich in der Welt nicht als System, nicht durch Bücher, nicht durch Argumente, auch nicht durch weltliche Macht erhalten, sondern durch den persönlichen Einfluß solcher Menschen,... die zugleich Lehrer und Vorbilder der Wahrheit sind.”[39] Mit anderen Worten: für Newman hat eine Bildungstheorie ihren Sitz in den Vorgängen der Menschheitsgeschichte, in der Überlieferung der Menschheit, letztlich in der Theorie und Realität der Heilsgeschichte.

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(3) Aber Newmans Begriff des Bildungsprozesses wäre mißverstanden, wenn er nur als eine Art Sozialisation aufgefaßt würde, bei der das Individuum einfach zu lernen hat, was Kirche oder Gesellschaft vorgeben. So sagt Newman in seiner letzten Vorlesung in Dublin im November 1857 “Disziplin des Geistes - eine Ansprache an die Abend-Klassen": “Sie sind nicht nur gekommen, um belehrt zu werden, sondern um zu lernen. Sie sind gekommen, um ihren Geist anzustrengen. Sie sind gekommen, um das, was Sie hören, zu ihrem Eigentum zu machen, indem sie sozusagen Ihre Hand ausstrecken, um es zu ergreifen und es sich anzueignen. Sie kommen nicht, um nur eine Vorlesung zu hören oder ein Buch zu lesen, sondern Sie kommen für jene katechetische Unterweisung, die in einer Art Gespräch zwischen dem Dozenten und ihnen besteht.”[40]

Es wäre erstaunlich, wenn ein Bildungsprozeß, der Gesprächtsstruktur hat, die Individuierung der Studierenden ausschließen könnte. Fordert er nicht geradezu einen Prozeß persönlicher Entwicklung heraus? Hilft er nicht dem einzelnen, seine Fähigkeiten zu üben? Die Antwort ist in Newmans Beschreibung des Illative Sense (Folgerungssinn) enthalten, mit Hilfe dessen ein jeder Mensch “stufenweise zur Fülle seiner ursprünglichen Bestimmung voranschreitet". Dieser Prozeß “ist den persönlichen Anstrengungen eines jeden Individiums ... überlassen. Jeder von uns hat das Vorrecht, seine anfanghafte und rudimentäre Natur zu vervollständigen und seine eigene Vollkommenheit zu entwickeln aus den lebendigen Elementen heraus, mit denen sein Geist das Dasein begann. Es ist seine Gabe, der Schöpfer seiner eigenen Zulänglichkeit zu sein und in einem eindringlichen Sinne selbst geschaffen ... Dieses Gesetz des Fortschrittes wirkt sich im Erwerb des Wissens aus, dessen unmittelbare Werkzeuge Folgerung und Zustimmung sind. Angenommen also, die Entfaltung unserer Natur (sowohl im Sinne unseres individuellen Selbst als auch im Sinne der Menschheitsfamilie) sei für jeden von uns an seinem Ort eine heilige Pflicht, so folgt daraus, daß diese Pflicht aufs innigste mit dem richtigen Gebrauch jener zwei Hauptinstrumente ihrer Erfüllung verknüpft ist".[41] - Aus Newmans Zustimmungstheorie, deren spezifisches Organ der Illative Sense ist, könnte man eine zusätzliche Perspektive dessen entfalten, was Bildung zu sein hat: Die Kultivierung der auf Erkenntnis bezogenen Urteilsfähigkeit (d. h. des Illative Sense) und die Kultivierung der kritischen bzw. moralischen Urteilsfähigkeit (d. h. des Gewissens).

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Freie Bildung als Ausformung einer philosophischen Haltung

In seinem Vorwort zur “Idee einer Universität" erklärt Newman “Freie Bildung" als eine “wirkliche Kultivierung des Geistes", welche “den Geist in eine Form bringt".[42] “Nach meiner festen Überzeugung besteht der erste Schritt auf dem Wege der Verstandesbildung darin, dem Geist eines Jungen (oder Mädchens, G. B.) den Begriff der Wissenschaft, der Methode und Ordnung, des Prinzips und der Systematik einzuprägen."[43] Und Newman weist auf Grammatik, Mathematik, Geschichte und Dichtung als Bildungsbereiche hin, in denen die Grundlagen für freie Bildung erworben werden können. Freie Bildung ist nicht das Ergebnis gehäufter Information aller Art noch profundes Wissen in einer Wissenschaft, noch das Studium der Philosophiegeschichte. Vielmehr hat Freie Bildung nach Newmans Verständnis drei verschiedene Dimensionen:

  • Sie ist eine architektonische Wissenschaft, die Newman im Anschluß an Aristoteles die Wissenschaft der Wissenschaften nennt. Das würde dem heutigen Verständnis einer “Logik der Forschung" entsprechen, wie sie Karl Popper bezeichnet.[44]
  • Auf einer zweiten Ebene wird sie als 'Erste Philosophie verstanden, von der Aristote- les sagt, daß dies “die Wissenschaft, die wir suchen" ist,[45] eine Philosophie, die sich auf die grundlegenden Ursachen und Prinzipien der Dinge und des Lebens bezieht.[46]
  • Auf einer dritten Ebene wird sie als Ausstattung des Menschen verstanden, d. h. als die Vervollkommung des Verstandes zum richtigen Denken.
  • Im Zusammenhang mit meinen Kommentaren und Anmerkungen zu Newmans Auffassung von Bildung handelt es sich um die beiden letztgenannten Bedeutungen, mit denen ich unter dem Begriff Freie Bildung befaßt bin: Ihr Inhalt und ihre Qualifikation.

Newman spricht von Freier Bildung, wann immer er über Zweck und Ziel universitären Studiums und der Universität nachdenkt. Die Atmosphäre der Gelehrtheit an der Universität zu atmen und darin zu leben, bietet den Studierenden eine Einführung in die Geistestradition und bildet eine Herausforderung für seine Weise des Denkens. Man “lernt die großen Umrißlinien allen Wissens erfassen, die Prinzipien, auf denen es beruht, die Stufenfolge seiner Teile, sein Licht und seine Abtönung, seine Stärken und seine Schwächen, wie man sie sonst niemals erfassen könnte. Eben darum wird diese Bildung ,frei' genannt. Eine Verfassung des Geistes wird geformt, die das ganze Leben hindurch anhält: Freiheit, Unvoreingenommenheit, Gelassenheit, Maßhalten und Weisheit sind ihre charakteristischen Merkmale, mit einem Wort, das, was ich ... als philosophische Geistesverfassung zu bezeichnen wagte. Hier also möchte ich die besondere Frucht der Bildung nennen, die an einer Universität gewährt wird im Gegensatz zu anderen Unterrichtsstätten und Lehrmethoden. Diese ist das Hauptziel einer Universität und des Umgangs mit ihren Studierenden".[47]

Diese “philosophische" Verfassung verleiht, wie Newman sagt, “eine meisterliche Schau (master view) der Dinge":[48] “Eine zusammenfassende Schau der Wahrheit in all ihren Festschreibungen, in den Beziehungen von Wissenschaft zu Wissenschaft, in ihrer gegenseitigen Beeinflussung und ihrem entsprechenden Wert."[49] Newman gesteht, daß er keinen anderen anerkannten Begriff für diese “Vollkommenheit der Geübtheit des Verstandes" kennt, die er als eine Philosophie, philosophische Bildung, Weitung des Geistes oder Erleuchtung bezeichnet. Er beschreibt sie als das wirkliche Ziel, das man bei einem Universitätsstudium zu erreichen hat. “Welchen Namen wir ihr auch geben mögen, es ist meines Erachtens von je her als die Aufgabe der Universität angesehen worden, diese Kultivierung des Verstandes zu ihrem unmittelbaren Ziel zu machen, sich, mit anderen Worten, mit der Bildung des Verstandes zu befassen ...; sie hat ihr Werk vollbracht, wenn sie das getan hat. Sie erzieht den Verstand dazu, in allen Dingen gut zu denken, nach der Wahrheit zu streben und sie zu ergreifen.”[50]

“Dieses erleuchtete Denken und diese wahre Bildung auch nur zu einem Teil zu besitzen, ist das Höchste, was die Natur auf dem Weg der Verstandestätigkeit zu erstreben vermag ... Der Verstand, der zum vollkommenen Gebrauch seiner Kräfte geschult worden ist, der erkennt und denkt, indem er erkennt, der gelernt hat, die zähe Masse der Tatsachen und Ereignisse mit der Spannkraft seines Denkens zu durchdringen, ein solcher Geist kann gar nicht voreingenommen sein, kann nicht ausschließend denken, kann sich weder überstürzen noch in Verlegenheit geraten. Er kann nicht anders als geduldig, gesammelt und von erhabener Ruhe zu sein, weil er in jedem Anfang das Ende, in jedem Ende den Ursprung, in jeder Ausnahme das Gesetz und in jeder Verzögerung das Ziel erkennt; weil er immer weiß, wo er steht und wie sein Weg von einem Punkt zum ändern führt."[51]

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Erwerb von Tugenden

Die Kultivierung des Verstandes darf nicht verwechselt werden mit sittlicher Erziehung.

 

Freie Bildung qualifiziert nicht zu ethischen Lernzielen. “Ich bin der Ansicht, daß Wissen seinen Sinn und Zweck in sich selbst enthält", sagt Newman. “Ich bleibe dabei, daß es ebenso falsch ist, sie (d. h. die Freie Bildung G. B.) mit Tugend oder Religion zu belasten wie (es falsch ist, ihr eine direkte Beziehung) zur praktischen Betätigung (zu geben). Es ist nicht ihre unmittelbare Aufgabe, die Seele gegen Versuchungen zu festigen oder sie im Kummer zu trösten, ebenso wenig wie es ihre Aufgabe ist, den Webstuhl in Bewegung zu setzen oder den Dampfwagen zu lenken. Mag sie auch noch so sehr das Mittel oder die Bedingung des materiellen und moralischen Fortschritts sein, so macht sie dennoch an und für sich genommen ebensowenig unsere Herzen besser, als sie zur Besserung unserer zeitlichen Verhältnisse beiträgt... Bildung ist eines, und Tugend ist ein anderes. Gesunder Menschenverstand ist nicht Gewissen, Veredelung des Geistes ist nicht Demut, Weite des Gesichtskreises und Richtigkeit im Denken sind nicht Glaube. Philosophie, wenn sie auch noch so erleuchtet und noch so tief ist, verleiht keine Herrschaft über die Leidenschaften, keine einflußreichen Beweggründe und keine lebenschaffenden Prinzipien. Die Freie Bildung macht nicht den Christen und nicht den Katholiken, sondern den Gentleman. Es ist gut, ein Gentleman zu sein; es ist gut, einen gebildeten Geist, einen verfeinerten Geschmack, einen lauteren, ausgewogenen und gelassenen Sinn, eine vornehme und edle Haltung in der Lebensführung zu besitzen; all diese Eigenschaften gehen naturgemäß mit einem reichen Wissen Hand in Hand; sie sind die Ziele einer Universität. Ich verteidige sie, ich werde sie erläutern und unbedingt verlangen .. .",[52] aber sie sind keine moralischen Tugenden.

Newman, der einen ganz besonderen Sinn für Ironie besaß, hat bereits über ein Jahrzehnt vor seinen Universitätsvorträgen in Dublin in einem Artikel von 1841[53] die Geschichte von Rasselas und dem Philosophen aus Samuel Johnsons “Der Prinz von Abessinien" zitiert, um zu illustrieren, was es heißt, eine Qualifikation des Verstandes fälschlicherweise für Tugend zu halten. “Der Philosoph in Rasselas" hat mit seiner Lehre übermenschliche Forderungen gestellt und ist dann ohne Kampf der Versuchung seiner menschlichen Versuchungen erlegen. “Er redete ... mit großem Nachdruck über die Beherrschung der Leidenschaften ... Er teilte mit, was von Zeit zu Zeit immer wieder an Regeln zur Besiegelung der Leidenschaften aufgestellt worden sei, und schilderte das Glück solcher Menschen, die dann wichtige Sicherungen hätten, wonach der Mensch nicht mehr der Sklave seiner Furcht oder der Narr seiner Hoffnung sei..." Als Rasselas den Philosophen einige Tage später niedergeschlagen in seinem Zimmer fand, in tiefer Trauer, weil seine Tochter gestorben war, gebrauchte er seine neuerworbenen Kenntnisse und sagte zu ihm: “Mein Herr, das Sterben ist ein Vorgang, durch den sich der Weise niemals überraschen läßt. Und wir wissen, daß der Tod uns immer nahe ist; man sollte daher immer mit ihm rechnen." “Junger Mann", antwortete der Philosoph. “sie sprechen wie jemand, der nie den Schmerz der Trennung gefühlt hat." Darauf Rasselas: “Habt Ihr denn ... die Lehre ganz vergessen, die ihr so nachdrücklich eingeschärft habt?" “Welchen Trost", sagte der Trauernde, “können Vernunft und Wahrheit mir bieten? Was vermögen sie jetzt, als mir zu sagen, daß meine Tochter nicht mehr lebendig wird?”[54]

 

Bereits in einer seiner ersten Veröffentlichungen erläutert Newman: “Wissen ist nichts im Vergleich zum Tun. Aber schon aus der Erkenntnis, daß das Wissen allein nichts bedeutet, machen wir etwas, wir legen ihm Wert bei, und so täuschen wir uns selbst... - Manch einer bekennt sich als armer Sünder; aber anstatt die Demut durch Übung zu lernen, rühmt er sich im gleichen Atemzug seines Bekenntnisses,"[55]

 

Newmans Anliegen ist es, wie für die Verstandesbildung gleiche Möglichkeiten für die moralische Bildung zu schaffen. Um seinen Hörern die Differenz zwischen den Zielen der Verstandesbildung und der ethischen Qualifikation zu illustrieren, gebraucht er einen starken Vergleich: “Sprenge erst einmal den Granit mit dem Rasiermesser und vertäue ein Schiff mit einem Faden aus Seide, dann darfst du auch hoffen, mit so feinen und scharfen Instrumenten wie der menschlichen Bildung und der menschlichen Vernunft gegen jene Riesen (wie) die Leidenschaften und den Stolz des Menschen, den Kampf bestehen zu können."[56]

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Religiöse Bildung

Newman trat ebenso sehr für Freie Bildung (Liberal Education) ein wie er Liberalismus in der Theologie bekämpfte. Und weil die Leute die Liberalität in beiden Bereichen miteinander verwechselten, hatte er unter zahlreichen Mißverständnissen zu leiden. Was meint Newman mit Liberalismus in der Religion? Die Antwort ist in seiner berühmten Rede bei der Überreichung des Biglietto anläßlich seiner Ernennung zum Kardinal in Rom 1879 enthalten, wo er sagte: “Dreißig, vierzig, fünfzig Jahre lang habe ich nach besten Kräften dem Geist des Liberalismus in der Religion Widerstand geleistet... Liberalismus in der Religion ist die Lehre, daß es keine positive Wahrheit in der Religion gibt, sondern daß ein Bekenntnis so gut ist wie das andere. Und dies ist die Lehre, die Tag für Tag an Einfluß und Macht gewinnt. Sie ist unvereinbar damit, irgendeine Religion als wahr anzuerkennen. Sie lehrt, alles müsse toleriert werden, denn alles sei schließlich eine Sache der persönlichen Ansicht. Offenbarungsreligion ist keine Wahrheit, sondern ein Gefühl und ein Geschmack; keine objektive Tatsache, sondern mirakulös. Es ist das Recht eines jeden, gerade das sagen zu können, was seiner Phantasie einfällt."[57]

Newman sah eine dreifache Gefahr von Verkürzungen in der religiösen Situation seiner Zeit, die noch immer gültig sind. Er beschreibt, daß sie

  1. von der geistigen Überheblichkeit (pride) und unkontrollierter Sinnlichkeit komme, welche die Stimme des Gewissens abschwächen;[58]
  2. von einer ästhetischen Verkürzung, die nur das, was heiter und schön ist, zulassen und Gottes Offenbarung auf das Niveau des menschlichen Geschmacks reduzieren[59]
  3. und “die Gefahr der Bildungs-Fertigkeiten" (accomplishments) besteht in der theoretischen Einseitigkeit des gebildeten Geistes. “Die Gefahr der vornehmen und feinen Bildung liegt darin, daß sie Gefühl und Tat trennt; sie lehrt uns recht zu denken, zu sprechen und zu fühlen, ohne uns aber zu zwingen, das Rechte zu tun."[60]

Gemeinsam ist der sinnlichen, ästhetischen und theoretischen Verkürzung von Religion der Mangel an Ernsthaftigkeit. Ernst, der gleichbedeutend ist mit Gehorsam Gott gegenüber, wäre genau die Brücke zwischen Bildung, Moral und Religion, d. h. zwischen Verstand, Gewissen und Frömmigkeit.

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Der Art und Weise, wie Wissenschaft, Sittlichkeit und Religion im Bildungsprozeß miteinander verbunden sind oder verbunden werden sollen, widmet Newman seine erste Predigt an der neu eröffneten Universitätskirche am Stephen's Green 1856 in Dublin zum Thema “Der Verstand, das Werkzeug religiöser Schulung".[61] “Der menschliche Geist", sagt Newman zu seiner akademischen Gemeinde. “... kann unter zwei Hauptgesichtspunkten betrachtet werden: als intellektuell und als moralisch. Als intellektuell erfaßt er die Wahrheit; als moralisch erfaßt er die Pflicht. Die Vervollkommnung des Intellekts nennt man Denkvermögen und Begabung; die Vervollkommnung unserer sittlichen Natur ist die Tugend. Es ist unser großes Unglück hier und unser Kummer, daß so wie die Dinge in der Welt nun einmal liegen, die beiden getrennt und unabhängig voneinander sind; daß da, wo Geisteskraft ist, keine Tugend zu sein braucht und dort, wo Rechtschaffenheit, Güte und sittliche Größe sind, keine Begabung zu sein braucht."[62] Newman beschreibt die Diskrepanz als Ergebnis der Erbsünde und gibt eine sehr detaillierte und lebhafte Beschreibung der Spaltung. Ziel seiner Predigt ist es, zu zeigen, daß es gerade die Aufgabe einer katholischen Bildungsstätte sein sollte, Verstandesbildung, sittliche Ertüchtigung und religiöse Übung zusammenzubringen. In einer Art Zusammenfassung schließt er seine Überlegungen:, “Ich wünsche, daß der Verstand mit äußerster Freiheit sich behaupte und die Religion sich gleicher Freiheit erfreue, was ich aber in Gang bringen möchte, ist dies, daß sie sich an ein und demselben Ort finden und durch diese Personen verkörpert werden. Ich möchte jene Trennung der Bildungsstätten aufheben, die alles in Verwirrung bringt, da sie einen Gegensatz der Einflüsse erzeugt. Ich möchte, daß dieselben Orte und dieselben Menschen gleichzeitig Orakel der Philosophie und Schreine der Frömmigkeit sind. Es befriedigt mich nicht, was so viele zufrieden läßt, daß es zwei unabhängige Bereiche gibt, einen intellektuellen und einen religiösen, die in einer Art Arbeitsteilung zur gleichen Zeit nebeneinander hergehen und nur durch Zufall zusammengebracht werden. Es befriedigt mich nicht, wenn die Religion hier ist und die Wissenschaft dort und wenn junge Menschen den ganzen Tag über mit Wissenschaft umgehen und sich abends mit Religion beschäftigen. Es rührt nicht an (die Wurzel, G. B.) des Übels, auf das diese Hinweise zielen, wenn junge Menschen an einem Ort essen, trinken und schlafen und an einem anderen denken: Ich möchte, daß dasselbe Dach den Verstandes- und den sittlichen Bereich berge. Frömmigkeit ist nicht eine Art Abschluß, den man den Wissenschaften gibt; und Wissenschaft ist nicht so etwas wie eine Feder am Hut, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine Verzierung der Frömmigkeit und ein Ausgleich zu ihr. Ich möchte, daß der denkende Laie religiös sei und der fromme Geistliche ein denkender Mensch."[63]

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Schluß: Gegenwartsbedeutung

Es gibt eine Vielzahl kritischer Impulse in den sieben Prinzipien katholischer Bildung, die Newman ausgefaltet hat. Von zentraler Bedeutsamkeit sind sicherlich

  • sein Glaube an die Zusammengehörigkeit der Wahrheit aus allen Wissenschaften,
  • seine Forderung, eine gleiche Bildung der sittlichen und religiösen Fähigkeiten wie dem Verstandesvermögen zuteil werden zu lassen, und
  • sein Vertrauen in die personale Kommunikation von Mensch zu Mensch, die besagt,
  • daß anonyme Situationen sowohl im Bereich der Universitäten als auch aller anderen
  • Schulen den Bildungsprozeß behindern statt fördern.

Es ist darüber hinaus erstaunlich, wie sehr Newmans Prinzipien der Bildung mit den Überlegungen der Vatikanischen Kongregation für das Katholische Bildungswesen über “Die religiöse Dimension der Erziehung in der katholischen Schule" (Rom 1988) Gemeinsamkeiten aufweisen. Es heißt dort zum Miteinander von Verstandes- und religiöser Bildung: “Jeder Schüler bringt Zeichen seiner Herkunft und seiner Individualität mit sich. Eine katholische Schule begnügt sich nicht damit, Unterricht zu erteilen, sondern hat ein Erziehungsziel vor Augen, das vom Evangelium erleuchtet ist und den Bedürfnissen der heutigen Jugendlichen entspricht" (Nr. 22). Zur Kultivierung eines christlichen Ethos lesen wir: “Die religiöse Dimension der (schulischen) Umgebung äußert sich" nicht nur “in einer christlichen Wertordnung, in Worten und sakramentalen Zeichen", sondern auch “im individuellen Verhalten, in der frohen und freundschaftlichen Beziehung untereinander und im Entgegenkommen der Hilfsbereitschaft" (Nr. 26). Die vatikanischen Überlegungen gehen sogar soweit, von einer Schule zu sprechen, in der die Kennzeichen einer “frohen und glücklichen Familienatmosphäre" zu finden sind (Nr. 27).

Natürlich gibt es auch bedeutsame Unterschiede von Newmans Zeit zu dem heutigen Verständnis des Dienstes, den eine katholische Schule in unseren verschiedenen Gesellschaften leistet. Darin zeigt sich das neue Bewußtsein der Kirche im und nach dem II. Vatikanischen Konzil, wenn wir lesen: “Katholische Schulen werden auch von nichtkatholischen und auch von nichtchristlichen Schülern besucht... Deshalb wird die Religionsfreiheit und Gewissensfreiheit der einzelnen Schüler und ihrer Familien berücksichtigt. Diese Freiheit wird von selten der Kirche eindeutig unterstützt" (Nr. 6). Auf diese Weise wird das diakonische Angebot der Kirche in der Gesellschaft in spezifischer Weise in Geist und Institutionen katholischer Bildung präsent. (Übersetzt vom Autor)

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[1] J. H. Newman, The Idea of a University defined and illustrated, ed. with introduction and notes by l. T. Ker, Oxford 1976, 310.

[2] Ebd., 311.

2a 2a Vgl. dazu meinen Beitrag “B. G. Niebuhr und J. H. Newman", in: Card. Newman Studien Bd. VI,Nürnberg 1964, 39-54. Vgl. ders., “Niebuhriser? L'historiographie selon Newman", in: C. Lepelley - P. Veyriras, eds., Newman et l'Histoire, Lyon 1992, 147-168. – Deutsch „Niebuhrisieren ?“ in: Münchener Theologische Zeitschrift 43, 1992, 421 – 435. 

[3] The Idea, a.a.O. 323.

[4] Ebd., 326.

[5] Newmans “Idea of a University" erschien in einem ersten Teil 1852 und, angereichert durch weitere Vorlesungen und Essays, 1859. Die deutsche Ausgabe der “Ausgewählten Werke" enthält nur einen Teil der heute vorliegenden kritischen Editionen; deshalb sind die vorausliegenden Teile eigene Übersetzungen. Die folgenden Übernahmen aus der Übersetzung von H. Bohlen sind teilweise verändert.

[6] The Letters and Diaries of John Henry Newman, ed. C. S. Dessain, Bd. XV., London 1964 100.

[7] J. H. Newman, Vom Wesen der Universität. Übersetzt von H. Bohlen, Mainz 1960, 94 (= Bd. V

der Ausgewählten Werke J. H. Newman, hg. v. M. Laros und W. Becker). Zitiert U.

[8] U 28.

[9] J, H, Newman, Historical Sketches, Bd. III. London 1881, 195.

[10] The Idea of a University a.a.O., 419.

[11] A. D. Culler, The Imperial Intellect, New Haven 1955.

[12] Ebd. 181.

[13] U 114f.

[14] U 115.

[15] Ebd.

[16] U 116.

[17] U 125.

[18] U 151.

[19] U 152.

[20] U 126.

[21] Ebd.

[22] U 143.

[23] New York - London 1963.

[24] Cambridge, Mass. 1966.

[25] U 143.

[26] Vgl. J. H. Newman, Oxford University Sermons, Predigt Nr. 15 von 1843; deutsch in: Ders., Zur Philosophie und Theologie des Glaubens, Mainz 1964, 233-260. Zit. G.

[27] Vgl. U 152.

[28] J. H. Newman, Historical Sketches a.a.O. III 6f.

[29] Ebd.

[30] Ebd. 14.

[31] Ebd. 8f.

[32] Ebd.

[33] J. H. Newman, Lectures on the Present Position of Catholics in England, Uniform Edition, London 1892, 390.

[34] Ebd. 325f.

[35] Historical Sketches a.a.O. III 8f.

[36] G 74f.

[37] G 76.

[38] G 78.

[39] G 74.

[40] The Idea of a University a.a.O. 394.

[41] J. H. Newman, Entwurf einer Zustimmungslehre, Mainz 1961, 245.

[42] U 7.

[43] U 9.

[44] Vgl. Karl Popper, Logik der Forschung, 4. Aufl. Tübingen 1971 (1. Aufl. 1934).

[45] 5 A. D. Culler, The Imperial Intellect, a.a.O., 185.

[46] Vgl. zur Ersten Philosophie: H. Verweyen, Gottes letztes Wort, Freiburg, 1991, 96-103f.

[47] U 116.

[48] Ebd.

[49] U 117.

[50] U 136.

[51] U 146.

[52] U 131.

[53] Die Geschichte stammt aus Newmans Beitrag “The Tamworth Reading Room", ein Brief, den Newman anläßlich einer Ansprache R. Peels zur Einrichtung eines Lesesaals in Tamworth 1841 in der Times veröffentlichte und der in U 128f zitiert wird.

[54] U 128f.

[55] J. H. Newman, Predigten. Gesamtausgabe, eingeleitet und übertragen von der Newman-Arbeitsgemeinschaft der Benediktiner von Weingarten l, Stuttgart 1950, 31 f (Predigt vom 2. Sept. 1832). Zitiert DP.

[56] U 132.

[57] W. Ward, The Life of J. H. Cardinal Newman, 2 Bde., London 1912: II 460; vgl. J. H. Newman, Briefe und Tagebücher, Mainz 1957, 697f.

[58] DP l, 256 (vgl. Anm. 55).

[59] DP l 350.

[60] DP II 408.

[61] DP X 13-28.

[62] Ebd. 18.

[63] Ebd. 26f.

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