„Life is for Action – Leben ist zum Handeln da.“[1]

Zur Originalität der Newman-Interpretation von Hermann Pius Siller.

von Günter Biemer

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Aus der Erinnerung

 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in meiner Heimatstadt Mannheim im ehemaligen Lichtspielhaus „Schauburg“, inmitten der Trümmer der Quadratstadt, Theater gespielt: Thornton Wilders „Wir sind noch einmal davon gekommen“ (The Skin of our Teeth). Uns Jugendlichen, die neugierig zur Aufführung kamen, waren die gesellschaftspolitischen Hintergründe dieser plakativen Allegorie aus den USA nicht bekannt. Die Botschaft, die ich in unserer Situation damals vernahm, lautete:  Nach einer Katastrophe kann man neu anfangen; man muss sich aber, – wie die Kinder von Mr. und Mrs. Antrobus -, die Essentials aus der Menschheitskultur für das Leben von denen aneignen, die sie kennen und beherrschen. Das war im Prinzip richtig, entsprach aber noch nicht den komplexen Herausforderungen der alltäglichen Wirklichkeit. – Nur fünf Jahre später saß ich in der Northcott Hall des Oscott College (Birmingham) zu Füßen eines der kompetentesten Newman-Forscher seiner Zeit, Henry Francis Davis, der uns in die Grundsätze des Lebens und der Lehre von John Henry Newman einführte. Eines der Newman’schen Axiome lautet: „Leben ist zum Handeln da. Wenn wir darauf bestehen, für alles Beweise zu wollen, dann werden wir niemals zum Handeln kommen. Um zu handeln, musst du von Annahmen ausgehen, und eine solche Annahme ist der Glaube.“[2]

 

Hermann Pius Siller hat sich mit der Frische des Außenseiters seit Beginn der neunziger Jahre in der Newman-Forschung zu Wort gemeldet.[3] Er hat spezifische Perspektiven eingebracht, unter denen er Newman für die gegenwärtige Glaubensreflexion und Glaubenspraxis erschließt. So verfolgt er die Auffassung, dass Newman den Glaubensakt als Handlung versteht und arbeitet Newman’sche Elemente für eine theologische Handlungstheorie heraus. Die vorliegende Studie soll ein erstes Echo auf seine originelle Umgangsweise mit dem Quellenmaterial von John Henry Newman sein.

 

 

Newman – der autobiographischste Mensch

 

Die erste thematische Perspektive, mit der Siller Zugang zu den Schriften und damit zur Person Newmans gewinnt, folgt den „Autobiographical Writings“, die Henry Tristram zusammengefügt und 1956 herausgegeben hat. Dabei handelt es sich um ein sehr seltsames Werk. Den sieben Teilen, die literarisch höchst heterogene Texte enthalten, ist lediglich gemeinsam, dass sie von John Henry Newman handeln und von ihm selbst verfasst sind; zum Teil im Tagebuchstil, zum Teil als Ergebnis mehrfach aussortierter Extrakte, zum Teil als sehr lebendige Berichte und Deutungen konkreter Ereignisse wie die „Krankheit in Sizilien“. Aber da gibt es auch Texte – im Er-Stil verfasst und als Argumentationsvorrat direkt für seine Mitbrüder im Oratorium bestimmt -, und ein Memorandum, das die Innenansicht seiner persönlichen Beziehungen zu den Ereignissen bei der Universitätsgründung in Dublin zusammenfasst, gehören dazu. An der Spitze steht ein Blatt, das Einzeleinträge aus siebzig Lebensjahren aufweist (1812 – 1882)[4] und das von Henry Tristram die Überschrift erhielt „An Autobiography in Miniature“.

 

Hermann Pius Siller referiert die in der Newmanforschung geläufigen Deutekategorien vom autobiographischen Newnan, den Spuren einer möglichen Autozentrik, der Nähe zur evangelikalen Tagebuchpraxis in seiner Jugendzeit, evaluiert die Möglichkeiten und bringt dann eine völlig andere Erklärung in Vorschlag. Sein Ansatz, autobiographische Arbeit als kommunikatives Handeln zu deuten, erlaubt ihm, das für Newman zweifellos charakteristische Phänomen handlungstheoretisch zu analysieren. Dabei überzeugt Sillers Verfahren an der wichtigsten autobiographischen Schrift Newmans, der Apologia pro Vita Sua: Newman habe damit nicht nur die Absicht gehabt, die Geschichte seiner religiösen Überzeugungen zu beschreiben, sondern es sei ihm zutiefst darum gegangen, seine Wahrheitsfähigkeit zurück zu gewinnen und damit den Beweis für seine Wahrhaftigkeit zu führen. Autobiographisches Handeln erweise sich dabei nicht nur als kommunikativ, sondern auch als konfliktfähig. Autobiographische und theologische Schriften Newmans würden sich gegenseitig ergänzen und erschließen.

 

Die Aufzeichnungen der „Autobiographie in Miniatur“ kategorisiert Siller als interpretative Handlung. Er bestätigt damit Henry Tristram, der den unverbundenen Sätzen überhaupt erst eine Überschrift gegeben hat. Siller konstatiert: „Diese Reihung ist vom Schluss her zu lesen“[5], vom Eintrag „and now a Cardinal“. Der Text habe in seiner Gänze, so Siller, das „Gewicht einer Parabel dessen, woraufhin sich John Henry Newman von allen Tatsachen seines Lebens angesprochen weiß: die darin zum Vorschein kommende ‚Providence’“. Damit nennt Siller den Schlüsselbegriff, dessen Ursprung er in den Aufzeichnungen von Newmans Sizilienerfahrung nachweist. In diesen Aufzeichnungen sieht Siller eine Berufungsgeschichte, die Newman die Erfahrung der Gewissheit vermittelte, selbst mit dem eigenen Leben „in der Absicht Gottes zu stehen“. Von da an habe der Terminus „Providence“ mit seiner Akzentuierung des Praktischen, der Erwählung, der Führung und Fügung alle anderen Interpretationselemente „aufgesogen“. – Bestätigung ist die Tatsache, dass Newman im Verlauf seines Lebens immer wieder in Situationen der Not und Gefahr auf die Sizilienerfahrung zurückgekommen ist. Siller zählt überzeugende Beispiele auf. Unter Providence habe Newman „so etwas wie wirksame eschatologische Bestimmung verstanden“ und damit ein Gefühl der Wärme verbunden sowie die „Anstrengung der Vernunft und Entschlossenheit des Handelns.“ - 

 

Eine fruchtbare Perspektive eröffnet Sillers Blick auf das Zueinander von Leben und Lehre in Newmans Autobiographica. Wie er sich in pragmatischer Hinsicht gegen Verfälschungen seiner Biographie und Identität zu Wehr gesetzt habe, so weise Newman sich in semantischer Hinsicht durch seine Übereinstimmung mit der Überlieferung und religiösen Praxis der Kirche aus. Newman habe sich konsequenterweise sowohl vom Evangelikalismus wie vom Liberalismus aus demselben Grund scharf distanziert, weil beide antidogmatische Haltungen seien. So erweitert Siller Newmans Argument gegen Liberalismus: „Dogma (war) das Fundamentalprinzip meiner Religion ... - Religion als bloßes Gefühl ist für mich Traum und Blendwerk.“[6] Siller markiert die in dieser Aussage enthaltene Behauptung, dass Glaubenssätze Wirklichkeit zum Ausdruck bringen, als Objektivität. Newmans zentrale theologische Intention ziele darauf, „für Glaubenssätze einen dem Subjekt vorgegebenen und es bestimmenden Wirklichkeitsanspruch stark zu machen“. Dazu habe er die Begriffe „realize“ und „illative sense“ so definiert, dass Wirklichkeit als Wirklichkeit erfasst werden kann. „Um in Sprache Wirklichkeit als solche zu erfassen, bedarf es des ‚illative sense’. Zu einer Glauben tragenden Gewissheit kommen wir nur durch die Folgerung aus den gesammelten persönlichen Wirklichkeitserfahrungen.“[7] Damit hat Siller den eigentlichen Grund für die Bevorzugung der autobiographischen Redeweise bei Newman schlüssig und eindrucksvoll eruiert: Sie kommt dem realisierenden Verhalten, der Erschließung gelebter Wirklichkeit, am nächsten. Sie ist nicht als Erzählung von seinem Vorsehungsglauben zu verstehen, sondern als öffentliches Bekenntnis „zu der in seinem Leben ‚objektiv’ wirklichen und wirkenden Providence“.

 

 

Newmans Monitum für eine theologische Handlungstheorie

 

Einen Schritt weiter in seiner Newman-Interpretation ging Siller, als er das Spätwerk Newmans, das den Schlüssel zu seinem theologischen Denken enthält, das Essay in Aid of a Grammar of Assent, als eine Analyse mit wichtigen Elementen für eine theologische Handlungstheorie auslegte. Newmans Priorität, die durchgehend für das Reale vor dem Notionalen optiert, erinnert Siller an die Reaktion von Karl Marx mit dessen „entschiedener Vorordnung der Wirklichkeit des Einzelnen und Besonderen vor dem Begriff“ und dem Allgemeinen bei G.F.W.Hegel. Die Grammar of Assent wird für Siller als „eine Art Phänomenologie Glauben tragender Wirklichkeitserfahrung“ verstehbar, die implizit wichtige ontologische Vorentscheidungen enthält; insbesondere, dass die Zustimmung zu Glaubenssätzen Erfassung der darin behaupteten Wirklichkeit ist. Wird ein Satz des Glaubensbekenntnisses nicht theologisch begrifflich, sondern imaginativ – als Bild und folglich mit der Einbildungskraft (imagination) – erfasst, so ist dies kein theoretischer Vorgang, sondern religiöse Praxis. Auch Theodor Haecker, der erste Übersetzer der Grammar of Assent, war von dieser noetischen Struktur Newmans fasziniert:  „Die Einbildungskraft ist also hier zu verstehen als das wesentliche Medium realer Erfassung, da diese für den menschlichen Geist die ursprüngliche ... ist.“ Haecker verweist auf das Analogie-Denken und sagt, „dass selbst mit dem ‚unähnlichsten’ Bild trotzdem noch das Ding mitgegeben und mitangeschaut wird“; also keine „vollständige Loslösung von der Realität und Wirklichkeit“ geschieht.[8] – Auch Siller expliziert diesen Zusammenhang im Newman’schen Ansatz. „Einem Glaubenssatz seine reale Zustimmung zu geben ... ist ein religiöser Akt ... Diese reale Zustimmung lässt sich meines Erachtens am ehesten wiedergeben mit dem Begriff ’Vollzug’. To realize heißt Wirkliches in seiner Wirklichkeit vollziehen. Gerade die Bekenntnissprache hat darin ihren besonderen Charakter, dass sie diesen ’Vollzug’ abholt, also zum Realisieren einlädt.“[9] – Als Gegenstück kennzeichnet Siller Newmans „legitimatorische Begriffsreligion“, der es an konkret-religiöser Erfassung mangelt, die im formal-begrifflichen stecken bleibt und in dieser Defizienz noch heute jedenfalls „hohe gesellschaftliche Aktualität“ hat.

 

Exkursartig möchte ich in diesem Zusammenhang auf die Newmans Duktus verblüffend ähnliche Gedankenführung in der Phänomenanalyse vom „Wesen und Unwesen der Religion“ bei Bernhard Welte Bezug nehmen. Er sagt, wirkliche Religion sei jener menschliche Grundvorgang, „in welchem ... je ein jeder selbst das heilige göttliche Du als wirklich nimmt oder realisiert. Die wirkliche Realisierung meines Verhältnisses zu Gott kann so ausgesagt werden: ich: ganz ich selbst, lasse mich ganz ein auf Gott und sein Geheimnis. Das sind zwei Seiten einer einzigen, ja einfachen, in sich lebendigen Wirklichkeit.“[10] Die Phänomenbeschreibung könnte an J. H. Newmans ursprünglicher Glaubenserfahrung abgelesen sein, wenn dieser von sich als Fünfzehnjährigem berichtet, dass es für ihn beim Vorgang der „inneren Umkehr“ zu Gott im Unterschied zur “Wirklichkeit der materiellen Erscheinungen ... zwei und nur zwei Wesen gibt, die absolut und von einleuchtender Selbstverständlichkeit sind: ich selbst und mein Schöpfer.“[11] – Auch in der Beschreibung und Bezeichnung der Echtheit religiöser Vollzüge sind sich beide Denker so nahe, dass sie denselben Begriff wählen: Ernst. „Der wahre Ernst“, so Bernhard Welte, „... ist das phänomenale Zeichen des gesammelten und umfassenden Selbsteinsatzes. ... Es kommt darauf an, dass ich mich in der ganzen Wirklichkeit meines Seins auf das große Geheimnis Gottes stelle und gründe und diesen Grund nehme als mein ganzes Heil ... Die wirkliche Realisierung des Glaubens muss so sein, dass in ihr meine ganze Wirklichkeit verloren wäre, und ich wirklich nichts mehr zu hoffen hätte, wenn dieses, dem ich mich da hingebe, nichts wäre.“[12] Das folgende Predigtzitat aus Newmans „Wagnisse des Glaubens“ (1836) könnte demnach von Welte stammen: „Jeder meiner Hörer möge sich die Frage vorlegen, was er auf die Wahrheit Christi hin eingesetzt hat. Wäre er auch nur im geringsten schlechter daran, angenommen (was zwar unmöglich ist), jedoch angenommen, sie wäre ein Fehlschlag? ... Was haben wir für Christus gewagt?“[13] Drei Jahre nach dieser Predigt, auf dem Höhepunkt der Oxford-Bewegung, die aus den Handlungsimpulsen der Tracts zur Glaubensrealisierung hervorgegangen war, hielt Newman eine Predigt über „Worte ohne Wirklichkeit“ (Unreal Words). Dabei gab er folgende Zusammenfassung: „Meine Worte laufen auf dies hinaus: Nimm es ernst,  und du wirst von Religion sprechen, wo und wann und wie du solltest. Trachte nach dem Wirklichen und deine Worte werden von selber richtig sein. ... Der Umstand, dass etwas wahr ist, ist kein Grund es zu sagen, sondern es zu tun, darnach zu handeln, es im innersten anzueignen ...“[14] – Konsequenterweise machen B. Welte wie J. H. Newman das Unwesen der Religion am fehlenden Ernst fest, und für beide ist deshalb die Realisierung des Christseins im heiligen Menschen die verkörperte Evidenz der Religion. Für Newman sind es die Heiligen, bei der Lektüre von deren Schriften „ich mich mit einer herrlichen, von Gnaden erleuchteten Seele unterhalte, die in diese Welt der Sinne schaut und sie mit sich selber durchdringt.“[15] Für Welte sind es „die einfachen und großen Gestalten der Religion, die unser Auge in der Geschichte und im Gang des Lebens da und dort wahrnimmt, die großen Zeugnisse ihrer Wirklichkeit, die niemand nicht ernst nehmen kann, der sie überhaupt sieht und vernimmt und die wie ein befreiendes Licht durch die Nebel unserer Geschichte hin leuchten.“[16] Bleibt noch das Zeugnis von Newmans eigenem Ernst durch seine Konversion, als er danach die Bände des Athanasius, Basilius u.a. „freudig küsste mit einem Gefühl, dass ich in ihnen mehr hatte als alles, was ich verloren hatte ... und wie ich zu den leblosen Seiten sagte: ‚Ihr gehört jetzt zu mir und ich zu euch ohne jegliche Täuschung.’“[17]

 

So wird sowohl bei der geistesverwandten Analyse des Wesens der Religion bei Bernhard Welte und John Henry Newman wie auch bei Newmans entsprechender Beschreibung des religiösen Vollzugs selbst, den wir zitierten, deutlich, dass Siller völlig richtig liegt und eine wichtige Interpretationshilfe leistet, wenn er die Newman’sche Auffassung des religiösen Aktes handlungstheoretisch erfasst. Eine theologische Handlungstheorie analysiert und reflektiert die Praxis christlichen Glaubens als zentrales Phänomen. Siller eruiert Elemente zu solcher Theorie aus der „Zustimmungslehre“ Newmans, wobei er Glauben als „Zustimmung zu eschatologisch bestimmter Wirklichkeit“[18] aufweist und Handeln als deren persönlichen Vollzug, den Newman realize nennt. - 

 

„Realizing“ erbringt also stets eine Aktuierung, schafft personalisierte Aneignung von Wirklichkeit aus Möglichkeit. In diesem Zusammenhang erkannte Newman schon in seiner Lebensmitte die Elemente des individualen und communialen Umgangs mit der Offenbarung und konzipierte an ihrem Schnittpunkt die Theorie von der Entwicklung der christlichen Lehre.[19] Denn in seiner lateinischen Kurzfassung des Entwicklungsgedankens in der Skizze „De Dogmatis catholici evolutione“ (Rom 1847)[20] unterscheidet er das Verbum Dei obiectivum, das vom Heiligen Geist den Aposteln bzw. dem Lehramt der Kirche anvertraut ist, vom Verbum Dei subiectivum, das im Geist der Gläubigen rezipiert und realisiert wird und von dem die Wachstumsimpulse des lebendigen Glaubenszeugnisses in der Geschichte ausgehen.[21] Damit ließen sich weitere Elemente für eine ekklesiale Handlungstheorie eruieren und damit bestätigen, wie fruchtbar der Siller’sche Ansatz für das Verständnis Newmans ist. Das gilt auch für das hier zum Schluss zu nennendeVerhältnispostulat, das Newman über das Handeln der lehrenden und hörenden Kirche, des Klerus und der Laien 1859 formuliert: „Obgleich die Laien in Sachen des Glaubens ein Spiegelbild oder Echo des Klerus sein mögen, so ist doch in der conspiratio von Hirten und Gläubigen etwas, was in den Hirten allein nicht vorhanden ist.“[22] 

 

 

Newmans Rede von Gott als Providenz

 

Sillers fruchtbarer Zublick auf Newmans theologisches Denken und religiöses Leben kulminiert in der Präferenz für Newmans Gotteserfahrung als Vorsehung und - als Gegenstück dazu - in der Kennzeichnung der Verfehlung authentischen Christseins als Liberalismus. Damit befasste sich Siller besonders in seinen Beiträgen bei internationalen Newman-Akademien[23]. Es wäre zunächst noch nicht ungewöhnlich, die Sizilienerfahrung als Ansatz für den Glauben an Gott als Vorsehung zu interpretieren, aber Siller bringt lebensnahe Farben in seine Erfassung: „Providenz heißt von nun an vor allem Führung in eine unübersehbare Zukunft.“ Gesteigert wird dies in der Situation vor der Konversion, als er „im Briefverkehr mit Keble sein Erschrecken geäußert, sein Erschrecken vor den verborgenen Wegen der Providenz, sein Erschrecken vor der Ungeborgenheit, in die diese Providenz ihn geführt hatte.“ Folgerichtig betrachtet Siller auch die ersten beiden Jahrzehnte Newmans in der Katholischen Kirche unter diesem Glaubensaspekt: „Hatte Gottes Providenz ihm keine Aufgabe mehr zugedacht?“ Die autobiographischen Skizzen führen zu dem Schluss: „Das Leben lässt nichts mehr von Vorsehung vorscheinen. Die Rede von der Providenz versiegt in diesen Jahren.“ Plastisch bildhaft bezeichnet Siller die Apologia als „Rückprall am Tiefpunkt“, und greift den Spannungsbogen mit den beiden konträren Polen der Verlassenheitserfahrung und Erfahrung der Gottesnähe auf, den Newman selbst im Rückblick 1869 gesehen und gekennzeichnet hatte: „Die Vorsehung Gottes war mein ganzes Leben hindurch wunderbar über mir.“ – Der lebensnahe Nachvollzug der Newman’schen Gotteserfahrung wird von Siller in die Gegenwart eingetragen, geistesgeschichtlich und existentiell. So überträgt er die Hagar-Aussage „Du, o Gott, siehst mich“ aus Newmans Vorsehungspredigt von 1835 in die Denkspur und Begrifflichkeit von Emmanuel Levinas, wie er von den Freiburger Welte-Schülern (Bernhard Casper und Ludwig Wenzler u.a.) rezipiert wurde: „Andere fremde, unverfügbare Freiheit sucht, will meine Freiheit, setzt mich überhaupt erst frei, spricht mich an, wo ich keine Fragen hatte. Das Sehen und Ersehen eines Blickes, der mich ins Auge fasst, zunächst der Blick des begegnenden anderen Menschen, dessen Blick ich mich nicht entziehen kann, stellt Weichen. Aber in diesem Blick bin ich noch von einer anderen radikaleren Wahl getroffen: dem abgründigen Blick Gottes. Das ist der Kern von Newmans Providenzerfahrung.“ 

 

Es war Hermann Pius Sillers Vortrag „Leben unter der Providenz“, der den Abschluss und Höhepunkt der Newman-Akademie von Matrei/Innsbruck im September 2003 bildete, bei der es um die Rolle des Liberalismus in der Religion ging, um Newmans stimulierende und erhellende Erkenntnisse und deren analytischen Wert für die Situation der Kirche in der Gegenwart. Auf der Hintergrundfolie einer schon drei Jahrhunderte währenden Fortschrittsgeschichte der Bewegung des Liberalismus, die maßgeblich zur Erkämpfung der Menschenrechte und des Völkerrechts beigetragen hat, trug Siller den Stellenwert von Newmans lebenslangem Widerstand ein. Er habe bereits scharfsinnig und weitschauend die subtilen Züge des Liberalismus in der Religion gekennzeichnet: „dass die Religion mehr in der Selbstbetrachtung als in der Betrachtung (Jesu) Christi bestehe“, dass „geoffenbarte Religion  ... keine Wahrheit, sondern eine Sache des Gefühls und des Geschmacks“ sei. „Genau diese Denkstrukturen hat Newman, wohl als einer der ersten Kritiker scharf erkannt und exakt angesprochen.“ Vor allem aber habe Newman, - so Siller im Rückgriff auf die Hagar-Vision aus der Predigt über die Vorsehung vom April 1835 -, der unumschränkten Selbstbehauptung des liberalen Subjekts Gottes Providenz als „erwählende Freiheit“ gegenübergestellt. „’Du, o Gott, siehst mich’ heißt: Ich stehe in deiner Aufmerksamkeit, du hörst mich, ich bin von dir geleitet. Darin sieht Newman wohl ein dem Liberalismus entgegengesetztes Freiheitsverständnis. Nicht Freiheit als abstrakte Selbstbestimmung, sondern als kommunikativer Akt, in dem einer den anderen freigibt, ihn anerkennt, ihm Raum und Zeit gibt, ihn aufkommen lässt, ihn seine Andersheit, seine Identität gewinnen lässt.“

 

Für eine Lebenspraxis „unter der Vorsehung“ entwarf Siller als Konsequenz aus seinem geistesgeschichtlichen Aufriss schließlich eine Fünffalt von prospektiven Kategorien, die einzeln und insgesamt vor der Gefahr „der Fiktion einer freien religiösen Subjektivität“ bewahren können. Zumindest drei von ihnen sind in spezifischer Weise aus dem Leben und Denken Newmans ableitbar: Erbesein, Bekehrung und Dankbarkeit. Es war die strikte Re-Orientierung an der Urkirche mit „ihrer gemeinschaftlichen Heiligkeit als der nächstmöglichen Annäherung an das Vorbild (Jesu) Christi, die der gefallene Mensch überhaupt je erreichen wird,“[24] die Newman zum Führer der Traktarianerbewegung und Reformer der Anglikanischen Kirche werden ließ. Aber auch in der römisch-katholischen Kirche gab ihm die Orientierung am Erbe der Väterkirche den nötigen Rückhalt für die Ablehnung scheinbar kirchentreuer Extrempositionen, ob in Bezug auf die Mariologie oder auf die Infallibilität: „Die Väter haben mich katholisch gemacht, und ich werde die Leiter nicht zurückstoßen, auf der ich in die Kirche hineingestiegen bin.“[25] – Dass Bekehrung newmanspezifisch ist und zugleich unvereinbar mit dem Liberalismus, hat Siller scharfkantig herausgearbeitet. „Die liberale Haltung wird ganz und gar durch eine Konversion konterkariert,“ so Siller. Und Newman: „Der Anblick eines Konvertiten ist das stichhaltigste und zugleich leiseste und bezwingendste aller Argumente ... Was mich selbst angeht – und .. dasselbe trifft auch für andere zu -: Die Tatsache, dass ich wurde, was ich bin, ist eine Predigt, - meine Gegenwart eine Mahnung.“[26] -  Dankbarkeit kennzeichnet als Frucht seiner Gottesbeziehung ganz deutlich in zunehmendem Maße die Altersphase Newmans nach der Apologia. So notiert er in seinem Tagebuch unter dem 30. Oktober 1867: „Die Last der Jahre fällt auf mich wie Schnee, sanft, wenn auch gewiss, aber noch fühle ich es nicht. Ich bin von lieben Freunden umgeben, mein Ruf ist durch die Apologia wieder hergestellt. Was könnte ich mir anderes wünschen als mehr Dankbarkeit und Liebe für den Geber all dieser guten Gaben. Es gibt keine andere Lebenslage, die ich der meinen vorziehen würde ... Ich brauche um nichts zu bitten als um Verzeihung und Gnade und einen glückseligen Tod.“[27]  

 

Hermann Pius Siller hat das Glauben und Denken John Henry Newmans an ausgesuchten Aspekten auf eigenständige Weise nachvollzogen. Er hat Newmans Gedanken in den Zusammenhang mit geistesgeschichtlichen Strömungen auf dem Kontinent bis herein in die Gegenwart gebracht. Es ist ihm gelungen, die Fruchtbarkeit und Relevanz von Newmans Glaubensreflexion für die theologische Sprache der Zukunft aufzuzeigen.

 


Literaturverzeichnis

 

Biemer, G. 1992, Die Gläubigen in Dingen der Lehre befragen? In: Münchener Theologische Zeitschrift 43, 437 – 448

Biemer, G., 1996, Newman on Tradition as a Subjective Process, In: McClelland. V.A. (Hg.), By Whose Authority?, Downside Abbey, 149 – 167

Biemer, G. ²2002, Die Wahrheit wird stärker sein. Das Leben Kardinal Newmans, Frankfurt a. M. u. a. (Internationale Cardinal – Newman – Studien, Folge XVII)

Newman J. H. 1832, Der persönliche Einfluss als Mittel zur Verbreitung der Wahrheit. In: ders., Zur Philosophie und Theologie des Glaubens. Oxforder Universitätspredigten, Mainz 1964, 63 – 79 (M. Laros / W. Becker, Hg., Ausgewählte Werke, Band VI)

Newman, J. H. 1872, The Tamworth Reading Room, (1841), In: ders., Discussions and Arguments on Various Subjects. London, 254 – 305. Übertragen von Hofmann, M.Wissenschaft, Religion und Leben (Der Lesesaal zu Tamworth), In  Newman J. H., 1940, 1. Aufl., Zur Philosophie und Theologie des Glaubens, II. Teil, Mainz, 119 – 157.

Newman J. H. Apologia pro Vita Sua. Geschichte meiner religiösen Überzeugungen, (1864), übers. v. M. Knoepfler, Mainz o.J (1951). (Ausgewählte Werke. Band I)

Newman J.H., 1866, Ein Brief an den hochwürdigen E.B. Pusey zu seinem jüngst veröffentlichten Eirenikon, übers. v. M.E. Kawa. In: Polemische Schriften. Abhandlungen zu Fragen der Zeit und de Glaubenslehre, Mainz 1959, 3 – 112 (Ausgewählte Werke, Band IV)

Newman J.H., 1959, Selbstbiographie, Stuttgart    

Siller H.P., 1991, Handbuch der Religionsdidaktik, Freiburg u.a.

Siller H. P, 1998a, Newman – Ein ausgeprägt autobiographischer Mensch. Zur Pragmatik autobiographischen Handelns. In: G.Biemer / L. Kuld / R. Siebenrock, (Hg.). Sinnsuche und Lebenswenden Gewissen als Praxis nach John Henry Newman. Frankfurt a.M. – Berlin – Bern u.a. 15 – 29 (Internationale Cardinal - Newman - Studien, Folge XVI).

Siller H.P., 1998b, Newmans Zustimmungslehre – Ein Monitum für eine theologische Handlungstheorie. In: ebd. 229 – 239

Siller H. P., 2001, Newmans Rede von der Providenz. In: Internationale Katholische Zeitschrift Communio 30, 424 - 433

Siller H.P., 2003, Die Rede von der Providenz. Newmans Einweisung ins Unverfügbar für ein Leben in der späten Moderne. In: R. Siebenrock / W. Tolksdorf, (Hg.), Internationale Cardinal Newman Studien, Folge XIX

Siller H. P., 2004, Leben unter der Providenz. (Druck in Vorb.).

Welte B., 1965, Wesen und Unwesen der Religion. In: ders., Auf der Spur des Ewigen. Philosophischen Abhandlungen über verschiedene Gegenstände der Religion und der Theologie, Freiburg - Basel – Wien, 279 – 296

 

 

Autor:

Günter Biemer, Dr. theol. habil.,  em. ord. Prof. f. Pädagogik und Katechetik an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i. Brg; Ehrenvorsitzender der Internationalen Deutschen Newman - Gesellschaft.

 



[1] Newman, The Tamworth Reading Room, 295. Vgl. ebda. 304: “… whereas man is born for action, action flows not from inferences, but from impressions, - not from reasonings, but from Faith”.

[2] Newman, Wissenschaft, Religion und Leben, 150

[3] Vgl. u.a. Siller, Religionsdidaktik, 184

[4] Zu der von Tristram u.a. genannten Zahl 1884 (= 72 Jahre) vgl. meine Korrektur nach dem MS: Biemer, Die Wahrheit wird stärker sein, ²2002, 25 u. 506.

[5] Siller, Newman – ein ausgeprägt autobiographischer Mensch, 19

[6] Newman, Apologia 71

[7] Siller, Newman – ein ausgeprägt autobiographischer Mensch, 27

[8] Newman, John H., Philosophie des Glaubens (Grammar of Assent), übertragen und mit einem Nachwort v. Theodor Haecker, München 1921, 434

[9] Siller, Newmans Zustimmungslehre, 232

[10] Welte, Wesen und Unwesen der Religion, 281

[11] Newman, Apologia Pro Vita Sua, 22

[12]  Welte, Wesen und Unwesen der Religion, 283

[13] Newman, Wagnisse des Glaubens, vom  21. Februar 1836, in: Pfarr- und Volkspredigten, Bd. IV, 329 – 341; 335. Diese Predigt führte Richard William Church, den späteren Dekan der St. Pauls-Kathedrale in London, dazu, sich zu ernsthaftem Christsein zu bekehren: Vgl. Biemer G., Existentialer Glaubensvollzug, in: Ders. / Biesinger A., Hg., Christ werden braucht Vorbilder, Mainz 1983, 136 – 145. - Vgl. ebda.: Siller H.P., Unabgeschlossene Überlegungen zu einer theologischen Pragmatik des Vorbilds 36 – 52.

[14] Newman, Worte ohne Wirklichkeit, vom 2. Juni 1839, in: Pfarr- und Volkspredigten, Bd. V, 41 – 59; 57 ff

[15] Newman J. H., Historische Skizzen, München 1948, 23

[16] Welte, Wesen und Unwesen der Religion, 285

[17] Newman, Certain Difficulties Felt by Anglicans in Catholic Teaching, vol.II (London 1891) 3

[18] Zur eschatologisch bestimmten Wirklichkeit vgl Siller, Religionsdidaktik 61 ff, 113 ff u. 256 ff

[19] „Maria aber bewahrte all diese Worte („things“) und erwog sie in ihrem Herzen“ (Lk 2, 19) ist das Motto der letzten Oxforder Universitätspredigt vom 2. Februar 1843: „Die Theorie der Entwicklung der religiösen Lehre“: „Es genügt ihr nicht, sie anzunehmen; sie verweilt bei ihr. ... Es genügt ihr nicht, ihr zuzustimmen, sie entwickelt sie....“

[20] Hrsg. v. Lynch T, in: Gregorianum 16, 1935, 402- 447

[21] Biemer G., 1996, Newman on Tradition as a Subjective Process, 158 - 160

[22] Biemer G., 1992, 446. Vgl. die inaltlich nahe Formulierung des Zweiten Vatikanischen Konzils, Apostolicam Actuositatem, 10, bezogen auf das gemeinsame Apostolat.

[23] Siller, 2001 und Siller 2003

[24] Newman J. H., 1832, Der persönliche Einfluss als Mittel zur Verbreitung der Wahrheit, 68

[25] Newman J. H., 1866, Ein Brief an den hochwürdigen E.B. Pusey, in: Polemische Schriften (Ausgew. Werke, Band IV) Mainz 1959, 19

[26] Newman J. H., Brief vom 18. 8. 1846 an die Marquise de Salvo. In: The Letters and Diaries of J.H.Newman, edited at the Birmingham Oratory, vol. XI, London – Edinburgh etc 1961, 224 f

[27] Newman J. H., o. J. (1959), Selbstbiographie, 441 f

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