Erinnerungen an das KLV-Lager Zillisheim

(KLV: Kinder-Land-Verschickung)

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O. Französische Einleitung

1. Ankunft und Anlänge

2. Ernteeinsatz in Hegenheim

3. Alltag im KLV-Lager

4. Skikurs in den Vogesen

5. Frühjahr und Ostern 1944

6. Der Frühsommer bis zur Invasion

7. Das Treffen der Ehemaligen

8. Unheilsgeschichte-Heilgeschichte?


La première occupation des locaux fut complétée, a partir de 1942, par l'installation d'une Oberschule de Mannheim au collège de Zillisheim. Elle n'était pas comparable a la précédente et n'avait pas de relation avec elle. Il s'agissait du transfert de trois classes qui voulaient échapper aux bombardements qui menaçaient les pays rhénans. Est-il étonnant que les anciens de cette dernière aient gardé un bon souvenir de leur court sejour dans ce havre de calmee et de paix ? Déjà, l'un des leurs, le Prof. Dr. Günter Biemer, professeur émerite, de théologie a l'université de Fribourg-en-Brisgau et aujourdhui curé en Forêt-Noire, avait pris l'initiative en 1980 d'inviter ses anciens camarades de classe à revenir à Zillisheim et d'y raviver leurs souvenirs. Il nous raconte ses souvenirs dans l'article qui sult. Une autre classe, d'ailleurs, de cette même Oberschule suivra cet exemple le 8 mai 1996. Le bulletin de notre collège s'intitule Le Pont. Ces visites ne sont-elles pas l'occasion de jeter un pont pardessus les nationalités ? Au-delà des frontières et des vicissitudes de l'histoire, I'homme peut toujours retrouver ce qui relie tous les hommes dans une même humanité. N'est-ce pas la aussi l'un des aspects de notre vocation européenne?


1. Ankunft und Anlänge

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Nach den schweren Luftangriffen in der Nacht vom 5. bis 6. September und 23. bis 24. September 1943, setzten die Nazi-Behörden der Stadt Mannheim die schon länger geplante Evakuierung der Kinder aus der Stadt in die Tat um. Am 18. Oktober 1943 rollte der Zug mit einigen hundert Mannheimer Kindern über Rastatt und Straßburg ins Oberelsaß. Darunter waren die ersten vier Klassen der Mannheimer Moll-Oberschule. In Mülhausen stiegen wir in den Vorortzug nach Brunstatt, Zillisheim. Die Fahrt des Sonderzuges hatte den ganzen Tag in Anspruch genommen, und wir kamen müde und erschöpft mit unserem Gepäck im-Hinterhof eines unüberschaubar großen Gebäudes an. Da uns niemand erklärte, wo wir waren, schrieb ich meinen Eltern auf einer Postkarte unseren Ersteindruck."Es ist hier tatsächlich ein großes Kloster. Hier gibt es keine Schulglocke sondern eine Kirchenglocke mit einem Lederstrick".Diese Glocke befand sich auf dem oberen balkonartigen Korridor im Freien. dort, wo die Kirche an das große Gebäude des Westflügels angrenzt, im Freien. Dahinter - in Richtung Süden des Gebäudekomplexes - war der eine unserer beiden Schlafsäle. darüber eine Etage höher. der zweite. In beiden Sälen wurden etwa 45 Jungen untergebracht. Drei bis vier Reihen von Betten gliederten den Saal, an den Wänden befanden sich Holzschränke, die wir Spinde nannten. Am Eingangsteil der Säle waren Wasserhähne über langgezogenen Emailbecken zur Morgentoilette. Im oberen Schlafsaal waren die Jungen der 1. und 2. Klasse (11 und 12 Jährige), im unteren die 13. und 14. Jährigen. Die 5. Klasse unserer Schule war nicht mitgekommen, weil man ab 15-16 zu den "Flak-Helfern" (Fliegerabwehrkanone) eingezogen wurde, um die Stadt gegen Luftangriffe zu verteidigen. Innerhalb weniger Tage machten wir uns im Norwestteil des Gebäudes heimisch. Direckt unter unserem Schlafsaal war en Theatersaal, in dem mitunter Filme,Theaterstücke in elsässischer Mundart von einheimischen Ensembles vorgeführt wurden sowie Feierstunden und auch jene ominöse Musterung stattfand, auf die ich noch zu sprechen komme. Angrenzend nach Norden hin war der gemeinsame Speisesaal, in dem die Schüler der "Oberschule" mit den Mannheimer Schülern vom KLV-Lager die Mahlzeiten gemeinsam einnahmen jedoch in verschiedenen Teilen des Saales und an getrennten Tischen - wie die Südhälfte des Ostflügels, so gehörte auch der gesamte Südflügel zu unserem Aufenthaltsbereich. Auf beiden Etagen waren Klassenzimmer., wo sich der normale Schulunterricht abspielte. Zum Direktionszimmer von Herrn Autenrieth beziehungsweise Studienprofessor Böhmel, die in der 2. Etage der äußersten Südwestecke residierten, hatten wir nur in Ausnahmefällen Zutritt. In den Bereich des Nordflügels kamen wir während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes nie. Da wir durch den Hinterhof in den Gebäudekomplex gekommen waren, dauerte es einige Tage, bis wir die geräumige Eingangshalle entdeckten, wo ein gutmütiger Hausmeister uns auch Bildpostkarten des Hauses verkaufte. Sie trugen die Aufschrift "Petit Séminaire de Zillisheim (Alsace).Weil wir keine Ahnung hatten, was ein Séminaire geschweige Petit Séminaire war, blieb es unserer Phantasie überlassen sich vorzustellen, was das bedeute. Wir spürten, daß wir Eindringlinge in fremdem Eigentum waren. Aber darüber wurde nie gesprochen.

2. Ernteeinsatz in Hegenheim

Kaurn eine Woche war vergangen, als unser Lagerleiter uns 16 Jungen der 4. Klasse, für einen Ernteeinsatz zum Kartoffelausmachen in Hegenheim abkommandierte. Er motivierte uns mit der Auskunft, daß wir selbst Kartoffeln für unser Lager bekämen. Bei dein kleinen Ort in der Nähe von Saint-Louis waren große Kartoffelfelder abzuernten. Dazu zog man Mannheimer Schüler aus XLV-Lagern, zusammen. Mitten in Hegenheim in einem kleinen Schlößchen siedelten wir in einem Zimmer mit etwas Stroh auf blankem Parkettboden. Als trotz Kälte und ganztägiger Arbeit keine Feldküche erschien, um uns eine Mahlzeit zu bereiten, beschlossen wir, unsere Koffer zu packen. und marschierten gemeinsam zur nächsten Bahnstation. Doch der Adjutant des Bannführers von Mülhausen, den wir seines dicken Revolvers wegen Colt-Müller nannten, holte uns auf seinem Motorrad ein. Wir wurden der Meuterei bezichtigt und zwangsweise zur Weiterarbeit zurückgeholt. Eltern, die zu Hause von unserer Situation erfahren hatten. kamen persönlich, um nach uns zu schauen. An den langen Abenden gingen wir mitunter hinaus an die Schweizer Grenze. von wo aus man die Lichter der hellerleuchteten Stadt Basel sehen konnte und die Glocken herüberläuten hörte. In solchen Augenblicken redete keiner, denn niemand wollte zu erkennen geben, daß er mit den Tränen kämpfte. Als wir von Hegenheim nach Zillisheim zurückkehrten, hatten wir heimatliche Gefühle, und das Leben im KLV-Lager erschien uns nahezu paradiesisch.

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3. Alltag im KLV-Lager

Unser Tagesablauf war genau durchgegliedert mit Schwerpunkt auf Unterricht, sportlicher Betätigung und paramilitärischem Drill. Nach dem Aufstehen begaben wir uns in Gruppen von zehn Leuten zum kalten Duschen in die Kelleretage. Vor dem Frühstück war Schul-Appell. Während des Vormittags fanden fünf Schulstunden statt. Nach dem Mittagessen war Liegestunde, danach Sport. und nach dem Kaffee um 16 Uhr 30 begannen die Arbeitsstunden für die Hausaufgaben. Nach dem Abendessen fanden Arbeitsgemeinschaften ihre Zeit. Um 21 Uhr 30 war Bettruhe angesagt. An zwei Nachmittagen der Woche war Marschieren in Formation angesagt. Kleinere Dienste, wie Umräumen von Klassenzimmern. Austausch von Betten, regelmäßige Reinigungsarbeiten wurden von uns selbst erledigt. Mit einem solchen Arbeitstrupp kam ich das einzige Mal ins Innere der großen Kirche. Sie war vollkommen zugestellt mit Schulbänken und meterhoch aufeinandergetürmten Strohballen. Es war kaum ein Durchkommen möglich und man bekam keinerlei Blick auf die Schönheit des Raumes. Von Kriegseinwirkungen lasen wir jetzt nur noch in den Briefen und Nachrichten von zu Hause. Am 18.-19. November 1943 war einer der schwersten Luftangriffe auf die Industriegebiete von Nord- und Ost-Mannheim. Wir gaben einander die Neuigkeiten aus den Briefen weiter und waren besorgt, wie es wohl zu Hause ausschauen würde. In Zeitungsausschnitten hieß es lediglich:"Größere Schäden werden aus Mannheim gemeldet. Die Bevölkerung hatte geringe Verluste." Eine Abwechslung bedeutete es für unser "Lagerleben", als am 29. Januar vormittags gegen 11 Uhr vier Flugsicherungsboote auf dem Rhein-Rhone-Kanal von Nord nach Süd durchgeschleust wurden. Kurze Zeit danach, am gleichen Tag, überquerte ein viermotoriger amerikanischer Bomber Zillisheim, einer der linken Motoren brannte, als er in Richtung Altkirch davonflog.

4. Skikurs in den Vogesen

Zur Wehrertüchtigung wurden Anfang Februar neun Schüler aus der 4. Klasse in die Vogesen abkommandiert. Sie wohnten für eine Woche im "Hôtel de Roches", das damals Felsenhotel hieß. Auf den überstempelten Postkarten konnte man den Originalnamen ausfindig machen. Unter der Anleitung von Unteroffizieren der Gebirgsjäger mußten oder durften sie - je nach persönlicher Auffassung - das Skilaufen erlernen. Nach dieser für die meisten höchst willkommenen Möglichkeit zum Wintersport kehrten sie fröhlich und erfrischt ins Schulleben des KLV-Lagers zurück.

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5. Frühjahr und Ostern 1944

Dem Frühjahr zu, als die Tage länger und die Aufenthaltsmöglichkeiten im Freien erfreulicher wurden, begannen wir, die Umgegend von Zillisheim an Nachmittagen zu erwandern: Fröningen und Hochstatt, vor allem den Weg entlang dem Rhein-Rhone-Kanal nach Norden, gingen wir in langen Wanderungen. Einige der Tümpel zwischen unserem Schulgebäude und Fröningen suchten wir in einer kleinen Gruppe häufig auf, um dort die verschiedenen Wassertiere zu beobachten. Eine biologische Arbeitsgemeinschaft war die Frucht der Befassung mit der Landschaft in der näheren Umgebung.

Zu Ostern hatten wir zwar schulfrei. durften aber nicht nach Hause. So waren die Tage in ihrem Verlauf durch die lange Vormittagsphase noch schwieriger und langweiliger geworden als während der Schulzeit. Die Karwochen-Liturgie war uns nicht zur Teilnahme freigegeben. Anderseits sperrte sich der Lagerleiter nicht dem Ansinnen von drei Schülern, am Ostermorgen, dem 9. April, zur Heiligen Messe zu gehen. So kam ich mit zwei meiner Mitschüler in die Pfarrkirche von Zillisheim zum Oster-Hochamt.Wir folgten damit der Anregung unseres Religionslehrers, des Zillisheimer Pfarrers, der uns über die Gottesdienstzeiten unterrichtet hatte. Es war allerdings eine Kontrasterfahrung -, denn trotz der f eierlichen Stimmung in der Gemeinde blieben wir Fremde und gingen wortkarg ins Lager zurück.

Da war noch das Problem mit der Osterkommunion. Meine Mutter wies mich in einem ihrer Briefe darauf hin, und verstärkte so die Einladung des Religionslehrers. Also versuchte ich dem Lagerleiter die Bedeutsamkeit der Katholischen Osterpflicht klarzumachen. Er ließ mich in der Tat am folgenden Samstagnachmittag zur Osterbeichte. Am Weißen Sonntag, dem 16.April, konnte ich in der Pfarrkirche von Zillisheim zur Osterkommunion. Dieses Mal war ich allein ohne Mitschüler. Die folgenden Wochen waren so warm und sonnig, daß wir nicht nur unsere Modellboote auf dem Kanal fahren lassen konnten sondern schwimmend und Wasserball spielend in den Fluten tummelten. Der "Rhein-Rhône" gehörte zu den hellen und - besonders bei Heimweh - trostreichen Auf enthaltsorten: schwimmen, endlos entlang wandern oder auch einfach nur stehen und der Strömung zuschauen und die Zeit und sich vergessen.

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6. Der Frühsommer bis zur Invasion

Wir brauchten eine besondere Genehmigung des Landkommissariats in Mühhausen, um mit der 3. und 4. Klasse in das Sperrgebiet um Belfort einreisen zu dürfen. Unser Ausflug führte uns in die Gegend von Pfirt. Und wir wanderten so ausgiebig, daß wir am Abend mit Blasen an den Füßen und todmüde nach Hause kamen, aber doch erfüllt von den Eindrücken der sanft geschwungenen Hügel und dem frischen Grün der Landschaft am Vorabend des Maimonats (der Kommentar aus meinem Tagebüchlein soll nicht verschwiegen werden : "Wir mußten auf zu vielen Asphaltwegen gehen, weil wir in Professor Böhmel einen Leiter hatten, der doch mehr am Wein der Restaurants als an der Landschaft interessiert war"). Das war am 30. April. Etwa zwei Wochen später, am 11. Mal fand unser Großes Geländespiel in dem nahegelegenen Wald jenseits der Bahnlinie statt. Es war tagelang, vorbereitet worden, und alle Schüler aller Klassen waren daran beteiligt. Es war, als wäre es ein großes Finale, bei dem wir alle unsere Kenntnisse von Gelände und Spieltechnik einbrachten.

Aber nicht allein das Spiel als solches war das aufsehenerregende Ereignis des Tages. Vielmehr hörten wir nach Spielende, als wir gerade im Begriff waren, aus dem Wald nach Hause zurückzukehren, daß von Brunstatt her die Sirenen Fliegeralarm heulten. Kurze Zeit danach folgten heftige Detonationen aus der Richtung Mülhausen. Das Geräusch überfliegender Flugzeuge ließ uns auf Bombenabwürfe schließen. An irgendeinem während dieser Wochen wurden wir in den Theatersaal befohlen. wo uns eine dreiköpfige Delegation von uniformierten SS-Männern mit freundlichen Mienen empfing und uns auf die Möglichkeit aufmerksam machte, schon jetzt und in freierWahl unsere künftige Waffen- gattung aussuchen zu können. Einer von ihnen schrieb die Namen und die getroffene Wahl auf, nachdem sein Kollege fast jeden Jungen belehrt hatte seinen "Wunsch"könne ihm am besten die Waffen-SS erfüllen. Unvergeßlich ist mir der Mitschüler aus der 9. Klasse, der neben mir saß und begeistert sagte, er wolle mal nach Afrika. Es half nichts, auch er landete auf dem Bestellzettel der SS. Vom Tag der Invasion der Alliierten Streitkräfte in der Normandie an gab unser Lagerleiter jede Woche einen Abendunterricht über die politische beziehungsweise militärische Lage. Wir merkten, daß die Situation drohend zu werden begann und er sich darum bemühte, die Rückschläge der deutschen Truppen zu beschönigen.

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An einem Mittwochnachmittag Ende Juni, als wir gerade von ei-nein Marsch zurückgekehrt waren und nach dem Kommando "weggetreten"zum Kaffee in den Speisesaal stürmten, stand plötzlich meine Mutter im Hof. Meine Mutter gehörte zwar zu den "einfachen" Menschen ohne besondere Bildung, hatte jedoch genug Spürsinn und praktische Intelligenz, um die Parteimechanismen zu durchkreuzen. Sie hatte eine Erlaubnis besorgt, so dass ich am nächsten Tag das Lager verlassen konnte, um mit ihr nach Hause zu fahren. Bis dahin war allerdings die Frage der Übernachtung zu klären. Im Dorf Zillisheim gab es weder ein Hotel, noch fanden wir private Unterkunft. Meine Mutter bestand darauf, im Wartehäuschen am Bahnhof zu übernachten. Und von dort holte sie spät abends die Bahnwärterfamille in ihr Haus, räumte ein Bett aus ihrem Schafzimmer aus und schlug es im Wohnzimmer für sie auf. Meine Mutter war überwältigt von der Freundlichkeit der Menschen und hielt einige Zeit brieflichen Kontakt. Es gehörte zu einem ihrer Wünsche, daß sie - nach Jahren - Zillisheim noch einmal besuchen wollte. Am 26. März 1965 kehrten wir dahin zurück - von Sankt-Peter im Schwarzwald kommend, wo ich inzwischen als Dozent am Priesterseminar tätig war - und suchten nach den Bahnwärtersleuten, vergeblich. Aber ins Collège Episcopale wurden wir eingelassen. Zum ersten Mal kniete ich nun in der großen Kirche, lange und versonnen. Um 4 Uhr läutete, draußen die Glocke zum Kaffee oder Ende des Unterrichts; jedenfalls stürmte eine laut-fröhliche Schar von Kindern und Jugendlichen durch die Korridore.. Der Kreis schloß sich. Die Erinnerung war perfekt.

7. Das Treffen der Ehemaligen

Nach meinem Weggang wurden auch andere Schüler von ihren Eltern nach Hause geholt. Im Herbst 1944 wurde das XLV-Lager der Moll-Oberschule von Zillisheim nach Furtwangen im Schwarzwald verlegt. In der Folge wurden einige der älteren Klassenkameraden zu verschiedenen Heeresgattungen eingezogen: andere wurden zum Bau von Schützengräben rekrutiert. Nach 35 Jahren, am 1. Adventssonntag, dem 2. Dezember 1979 traf sich eine Restgruppe von Ehemaligen aus der 4. Klasse. die untereinander Kontakt gehalten hatten. im Collège Episcopale von Zillisheim. Wir feierten gemeinsam die Heilige Messe in der Hauskapelle (im Südflügel des Gebäudes). Wir gedachten unserer toten Mitschülern und waren erfüllt von Dankbarkeit darüber, daß jene schlimme Situation unseres Lebens und vor allem das schreckliche Regime, mit dem im Namen Deutschlands so viel Unheil über Europa gebracht worden war, lange zurücklag. In einem Memorandum, das nach jenern Besuch verfaßt worden ist, heißt es:

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"Wir werden abbé Aby nicht vergessen, der uns nach unserem Gottesdienst wie alte Bekannte aufnahm und uns eine ausführliche, geduldige Führung gab und sich Zeit für uns ließ. Wir werden nicht vergessen, daß wir noch einmal in den unveränderten Klassenzimmern waren, wo die Zeit Stillgestanden zu haben schien. Unser Schlafsaal von einst war verändert, darin waren jetzt Klassenzimmer eingerichtet. Aber es gab Hauskorridore, die noch so waren, wie wir sie verlassen hatten. Zumindest schien es uns so, und es tat uns gut, unsere eigene Geschichte gewissermaßen berühren zu können."

Keiner von uns hatte gewußt, daß über dem Hauptportal eine kostbare alte Bibliothek steht, deren Bände bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen: Literatur, Geschichte, Theologie. Wir hatten jetzt in einer Stunde -unter kundiger Führung mehr gesehen und verstanden als damals in Monaten. Zu unserem Abschied schenkten uns Vertreter der jetzigen Direktion des Collége eine Schallplatte mit den hellen, frischen Stimmen von Kindern lind Jugendlichen, die Gottes Lob singen. Ohne es verabredet zu haben, hielten fast alle noch einmal am Rhein-Rh6ne-Kanal an, um auf die schöne Hauptfassade des Kollegs in der sanften Mittagsonne des Dezembertages zurückzuschauen, vielleicht auch, um beim Fließen des Kanals Gedanken aus der eigenen Kindheit zu begegnen."

8. Unheilsgeschichte-Heilgeschichte?

Im Rückblick auf die Szenen aus einem Knappen Jahr vor einem halben Jahrhundert wird deutlich, daß unsere einzelnen Biographien und unsere gemeinsamen Erfahrungen ein Stück Geschichte waren, das wir noch nicht, selbständig hatten gestalten können, sondern in dem wir uns vorfanden. Es war ein Stück Unheilsgeschichte, an der unsere Väter sich mehr oder weniger aktiv oder passiv ursächlich beteiligt hatten. Aus dem großen Abstand werden der Zusammenhang und die Verantwortung überschaubar. Zugleich wird der Weg, den Charles de Gaulle und Konrad Adenauer eingeschlagen haben, in seiner segensreichen Auswirkung sichtbar. Gerade uns, der älteren Erwachsenengeneration, erscheint es als kostbares Anliegen, daß die Geschichte des Heils, die sich zwischen den Völkern Europas zu stabilisieren beginnt, auch den Schülerinnen und Schülern der Kommenden Jahrzehnte erhalten bleibt.

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