Günter Biemer - Mein Lebenslauf 2

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Inhaltsverzeichnis

Geburt
Umzug nach Käfertal
Schulzeit 1936 bis 1949
Der Zweite Weltkrieg
Erste große Fahrradtour
KV-Lager:Kinder-Landverschickung 1943-1944
Ernsteinsatz in Hegenheim
Osterkommunion 1944
Die Invasion im Juli 1944
Schanzen hinter der Westfront
Auf der Flucht
Der Aufbau einer neuen Welt

Die Abert Magnus-Schule: Meine Frühlingsjahre (1945- 1949)
Studienjahre 1950 und 1955 und 1957 - 1959
Lehrjahre als Theologe - in St. Peter (1959 - 1966)
Lehrjahre als Theologe - in Pittsburgh/Pennsylvania 1964
Lehrjahre als Theologe - an der Universität Tübingen (1966-1970)
Wieder in Freiburg
Reisen: Er-Fahrung der Welt und der geschichte des Menschen
Hirtenjahre als Pfarrer 1994 - 2004
Was ist der Mensch?


Geboren am 30. September 1929 in Mannheim Getauft in der Kirche St. Sebastian am Markt („Untere Pfarrei“)

Das erste Ereignis, dessen ich mich erinnere, war der Abflug des Flugbootes „Do X“. Es kreiste noch einmal zum Abschied über der Quadratstadt Mannheim. Meine Mutter holte mich schnell aus dem Bett und brachte mich ans Fenster. Damals wohnten wir in der Jungbuschstraße im dritten Stock. Einen Tag zuvor, einem Sonntag, waren wir, - meine Mutter, mein Vater und ich, - auf dem Weg zum Mannheimer Hafen, um das fliegende Ungetüm mit den sechs Doppelpropellern auf dem Flügel zu sehen. Zum Unmut meines Vaters wurde ich unterwegs müde und fiebrig, und er musste mich nach Hause tragen. So waren an diesem Montag die graue Silhouette am Himmel und das tosende Motorengeräusch über den Dächern das einzige, was wir von dem großen Vogel direkt wahrnehmen konnten. – Das war wohl im Jahre 1932; denn ich war höchstens drei Jahre alt.

In jenen Jahren herrschte in Mannheim Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit. Das Einkommen der einfachen Leute war gering. Nach einer Ein-Zimmer-Wohnungen in S 5, wo ich geboren bin und in H 7, nahmen meine Eltern eine Drei-Zimmer-Wohnung und vermieteten ein Zimmer „möbliert“ an einen alleinstehenden Kollegen meines Vaters, der ebenfalls in den „Pfälzischen Mühlen-Werken“ arbeitete. Mir ist der lange Korridor in guter Erinnerung als Spielplatz zum „Holländer“-Fahren. Pia, ein Mdchen aus der Nachbarschaft kam dazu; das WC war unsere Tankstelle. Auf der Straße zu spielen war beim dortigen Verkehr nicht ratsam. Auch gab es in den Jahren vor 1933 häufig Kämpfe und Schießereien zwischen Kommunisten, Nationalsozialisten und anderen, zwischen Aufständischen und der Polizei.

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Umzug nach Käfertal

Als meine Schwester Toni im März 1934 zur Welt kam, wohnten wir in einem Vorort von Mannheim, wo das Leben nicht so teuer war wie in der Innenstadt. Käfertal war um diese Zeit ein bäuerliches Dorf. Unsere Wohnung in der Oberen Riedstraße am Kirchplatz befand sich in einem Bauernhaus mit Ställen für Pferde, Kühe und Hühner. Uns gehörte der obere Stock. Darüber war nur noch der Speicher, zu dem eine Tür und Treppe aus unserer Wohnung führte. Die erste Stufe der Treppe war noch in unserer Wohnung. An der Ecke eben dieser Treppenstufe begann eines Nachts ein seltsames Kratzen und Nagen. Wir hatten ziemlich aktive Mitbewohner in Gestalt von Mäusen. Meinem Vater, der aus einer Bauernmühle stammte, war das nicht so fremd wie mir. Er versenkte scharfe Glasscherben in den Stufenecken. Ich war froh, als wir in die „Kurze Mannheimer Straße“ zogen. Doch vorher feierten wir das Fest der Taufe unseres kleinen Säuglings. Leider ging das ganz anders als ich mir vorgestellt hatte.

Meine Mutter war voll Freude und Erwartung. Beide Omas hatten ihr Erscheinen angesagt und mussten am Hauptbahnhof in der Innenstadt abgeholt werden, da sich beide in der Großstadt verirrt hätten. Wie die Schlafstätten verteilt wurden, weiß ich nicht. Da ich erst viereinhalb war, bekam ich jedenfalls nachts Einquartierung. Die Taufe war für einen strahlenden Sonntag Nachmittag angesetzt. Mein Vater ging bereits zwei Stunden vorher zu einem kleinen Spaziergang, zu dem er auch mich überredete, damit die Frauen zuhause alles in Ruhe vorbereiten könnten. Mehrfach fragte ich ihn unterwegs, ob wir jetzt nicht umkehren müssten. Von weitem läutete eine Kirchenglocke um mein Fragen zu unterstützen. Mein Vater scherzte, wir kämen noch früh genug und dort müsse man nur herumstehen. Als wir nach Hause kamen, gab es bereits Kaffee und Kuchen. Meine Enttäuschung war abgrundtief und bitter. Es half mir nicht, dass beide Omas den 31jährigen heftig tadelten. Die Tauffeier war vorbei. Ich hatte sie nicht erleben dürfen. Weshalb? Ich weiß es nicht. Es wurde nie darüber geredet.

In der Zeit in der „Kurzen Mannheimer Straße“ (heute: Nelken-) gab es zahlreiche Freundesgruppen und kleine „Banden“, mit denen wir die Gegend erkundeten bis zu den Straßenbahnschienen und hinüber zu BBC: Brown Boveri & Co. Eines Morgens im Jahre 1935 riefen wir uns gegenseitig zusammen, um aus der Straßenenge der dreistöckigen Häuser in die Weite bei den Schienen zu kommen und den Himmel überblicken zu können. Da war er, allen sichtbar: Der Zeppelin! Der Zeppelin! Über den Feldern nach Süden, in Richtung Feudenheim zog in majestätischer Langsamkeit und vergleichsweise niedrig die riesige silberne Zigarre über den Horizont. Es war wohl die „Hindenburg“, das Luftschiff, das noch im selben Jahr in Lakehurst/USA verbrannte. Wir waren zuerst wie gebannt und hüpften dann und schrieen. Er war lange das wichtigste Thema: Bestehende Feindschaften wurden an diesem Tag beigelegt aus Dankbarkeit, dass die einen die anderen zu diesem Schauspiel gerufen hatte.

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Schulzeit 1936 bis 1949

Die Überschrift über meine Schuljahre sieht ganz harmonisch und „normal“ aus. Alle gehen dreizehn Jahre in die Schule, wenn sie Abitur machen. In Wirklichkeit war meine Schulzeit ein einziges Chaos, in das erst gegen Ende einigermaßen Ordnung eingekehrt ist. Ich war auch durchgehend ein höchstens mittelmäßiger Schüler, abgesehen von den letzten Jahren als es ums Ganze ging. Doch nun der Reihe nach.

Nach Ostern 1936 kam ich in die 1. Klasse der neu erbauten Albrecht Dürer-Schule. Sie lag in der Mitte zwischen Käfertal-Nord und Käfertal-Süd. Das war praktisch; denn in diesem Jahr zogen wir in ein eigenes Haus, das in „-Süd“ lag. Von da an war unsere Familienadresse „Diedesfelder Straße 30“. In der Schule erging es mir nicht mehr als ordentlich; denn die Lehrer waren nicht gerade Menschen, die uns erfreuten. Im ersten Jahr hatten wir einen Pedant; schlank, Glatze mit Kränzchen, streng. Als er eines sommerlichen Nachmittags endlich sein Jackett auszog, lachte und Witze machte. kam mir das ganz fremd, ja ungehörig an ihm vor. Im zweiten Jahr hatten wir einen begeisterten Soldat, der zu Beginn jeder ersten Schulstunde seine Sporen von den Stiefeln abzog, weil er immer vom Reiten kam. Entsprechend sportlich war auch sein Unterricht: Er legte jeden Morgen nach dem Durchschauen der Hefte ein halbes Dutzend von uns, deren Hausaufgaben er nicht so gut fand, über die erste Bank und verprügelte sie mit dem Rohrstock. Im dritten Jahr übten wir manchmal zur Auflockerung des Einmaleins-Rechnens direkt neben der Bank Marschieren-im-Gleichschritt; tatsächlich kam er an manchen Tagen in SA-Uniform zur Schule.

Fraglos hat sich das politische Geschehen in Deutschland auch in unserer Schule ausgewirkt. Aber noch deutlicher im alltäglichen Leben. Ein besonderes Erlebnis war die Remilitarisierung des linksrheinischen Teils von Deutschland. Nach dem (Ersten) Weltkrieg (1914 – 1918) durften zum Schutz der Westmächte westlich (= links) des Rheins keine Soldaten stationiert werden. Adolf Hitler setzte sich eines Tages über dieses Verbot einfach hinweg. Endlos marschierten an einem sonnigen Sommermorgen Kolonnen von Soldaten über die verkehrsbereinigte Hauptstraße durch unseren Vorort über die Neckarbrücke in die Innenstadt und von da über die Rheinbrücke nach Ludwigshafen. Soldaten - und überhaupt so viele - sah ich zum ersten Mal. Wir Kinder folgten alle dem Zug. Noch nie war ich so weit von zu Hause weggegangen. Aber die vielen Militärkapellen machten uns Spaß und alle Kinder aus unserer Straße waren dabei. Dass unser Staat damit eigenmächtig wieder gegen Frankreich aufrüstete, verstanden wir natürlich noch nicht. - Die Erwachsenen waren in diesen Jahren in Sorge. So überlegte man im Frühjahr 1939, ob wir das nächste Osterfest und den Weißen Sonntag danach noch im Frieden feiern könnten. Deshalb meldeten mich meine Eltern zur Erstkommunion von 1939 an. Es war das letzte friedliche Ostern für mehrere Jahre.

Aus dieser Zeit erinnere ich mich einer spätabendlichen Situation in unserer Küche. Es brannte kein Licht, - wir sparten das Geld -. Nur der Schein der Straßenlaterne erleuchtete spärlich die Möbel. Die kleine Ofentüre am Küchenherd stand offen und die Flammen zeichneten bizarre Schattenfiguren an die Küchendecke. Meine Schwester, vielleicht vier Jahre alt, saß auf dem Schemel neben meiner Mutter, ich am Tisch gegenüber. Alle drei hatten wir den Rosenkranz in der Hand und beteten. Es gab viele Anliegen und Sorgen, in die wir als Kinder eingeweiht waren und in denen wir mitbeteten: Dass wir das Geld für den Hypothekenzins zusammenbekämen, dass der Vater wieder wohlbehalten von der Schicht zurück kehrte (immerhin täglich eine Stunde Radweg, einfach), dass die Oma wieder gesund würde, dass es keinen Krieg gäbe. Selten fühlten wir uns den Eltern näher als in solchen Stunden. Unsere Sorgen wanderten auf Straßen zu Gott, und Gottes Antwort kam zu uns. Solche Wege waren der schmerzensreiche, der glorreiche, der freudenreiche Rosenkranz. In dieser Weise habe ich ihn kennen gelernt; gelernt, wie glauben geht.

Die Großen Ferien im Sommer 1939 verbrachten meine Schwester und ich bei den Geschwistern meines Vaters, bei Onkel Joseph Biemer und seiner Schwester Sophie im Pfarrhaus von Gommersdorf bei Krautheim an der Jagst. Es war ein kleines Palais, das in früheren Jahrhunderten den Äbten von Schöntal als Sommerresidenz gedient hatte. Riesig lange Korridore auf zwei Etagen mit vielen, zumeist unbenutzten Zimmern voller Spinnweben, ein gespenstisch großer Keller, eine eigene Hauskapelle mit nachts rötlich leuchtendem Ewigen Licht. Das war für sechs Wochen unser Tummelplatz; dazu ein ausgedehnter Garten. Die Nachbar-Bauern waren immer bereit, mich mitzunehmen aufs Feld oder in den Stall, wo es Ziegen, Schweine, Kühe und Pferde gab, Hühner und Tauben. Eine wunderbare und abwechslungsreiche Welt füllte unsere Phantasie in Ergänzung zur täglichen Frühmesse um sieben Uhr und zu den häufigen Spaziergängen am Nachmittag, zu denen mich Onkel Joseph in die Nachbardörfer mitnahm.

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Der Zweite Weltkrieg 1939 - 1945

Aus dieser idyllischen Welt waren wir nach Mannheim zurückgekehrt. Aber der 1. September 1939 zerschnitt alle bestehenden Verbindungen. Immer wieder wurde sprach die heißere, gewalttätige Stimme „des Führers“ über die Rundfunksender dieselbe Botschaft von seinem Einmarsch in Polen: Ab x Uhr wird zurückgeschosssen“!. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen. Ich war knapp zehn Jahre alt und spielte auf unserem Balkon Krieg: „Stukas“ (=Sturzkampbomber) griffen Häuser und Kasernen an und zerstörten sie. So lange und laut ahmte ich das schrecklich pfeifende Geräusch der Flugzeuge nach, bis die Nachbarin entnervt herüberrief.

Das 4. Schuljahr begann mit Verspätung. Unser Schulhaus wurde zum Lazarett umgestaltet. Wir mussten den doppelt weiten Schulweg in eine alte Schule in Kauf nehmen. Von jetzt an gab es nur noch alte Lehrer oder Lehrerinnen. Wir hatten jedenfalls Glück, denn wir bekamen einen sehr sensiblen und intelligenten Klassenlehrer, der innere Autorität ausstrahlte und uns zu guten Leistungen motivierte. Er war es auch, der nach einigen Monaten meine Eltern einbestellte und sie überredete, mich in eine weiterführende Schule zu schicken: die Mittelschule der Stadt Mannheim. – Noch bevor ich zur neuen Schule in der Innenstadt ging, erlebten wir den ersten großen Luftangriff in der Nacht von 16. auf 17. Dezember 1939. Die Flugzeuge deckten die Stadt mit sechskantigen Stabbrandbomben ein, die sie gebündelt abwarfen. Das Schloss und zahlreiche Häuser der Quadratstadt brannten tagelang. Wir sahen von weitem die Brandherde im nächtlichen Widerschein der Wolken und tagsüber Rauchsäulen.

Zwei Jahre lang, 1940 bis 1942 besuchte ich die Mittelschule in der Nähe des Wasserturms und der Kunsthalle. Im Sommerhalbjahr sparte ich den Fahrpreis und fuhr jeden Morgen die zweieinhalb Kilometer über die Adolf Hitler Brücke (= heute Ebert Brücke) in die Innenstadt mit meinem Fahrrad. Als ich erfuhr, dass vom 7. Schuljahr an als zweite Fremdsprache Italienisch vorgesehen sei, bekam ich Bedenken. Damit könnte ich in keinem Gymnasium etwas anfangen: dort waren Latein oder Griechisch oder Französisch wichtig, aber nirgendwo Italienisch. Außerdem: die Mittelschule endete mit der Mittleren Reife und das eigentliche Ziel wäre doch das Abitur. Weshalb bekam ich als Dreizehnjähriger diese Bedenken? Ich wusste es nicht. Ich beschwatzte meine Mutter, ohne Wissen meines Vaters mit mir zur Direktion eines der Mannheimer Gymnasien zu gehen und mich dort zum weiteren Schulbesuch anzumelden. Wenn ich gute Noten bekäme, erhielte ich Schulgelderlass. Dann hätte auch mein Vater, der immer auf die Kosten achtete, nichts gegen den Schulwechsel einzuwenden. Es ging leichter als ich mir vorgestellt hatte. So ging ich vom Herbst 1942 an in die „Moll-Oberschule“, eines der Mannheimer Gymnasien für Jungen.

Von den großen Zusammenhängen der Ereignisse, die die Welt erschütterten, bekam ich in meiner Perspektive noch wenig oder gar nichts mit. Um es an einem Beispiel zu zeigen: Der Vater von Walter Hirsch war im Januar 1939 nach Belgien geflohen, weil er als Jude von den Nazis verfolgt wurde und um seine Existenz fürchten musste. Als die deutschen Truppen im Frühsommer 1940 in Belgien einfielen, wurde er von dort in den Süden Frankreichs deportiert und landete im französischen Flüchtlingslager Gurs in den Pyrenäen. Dorthin wurden auch Tausende von deutschen Juden aus Baden auf Betreiben des Nazi-Gauleiters Robert Wagner verschleppt. Vom Sommer 1942 an wurden sie in das Konzentrationslager Auschwitz in Polen transportiert und dort unter Aufsicht der SS mit Zyklon B-Gas ermordet. Unter den Opfern von Auschwitz waren Heilige wie Edith Stein, Maksymilian Kolbe und viele andere. Von all dem wusste ich als Junge nichts. -

Wir Kinder hatten unsere eigene Art mit dem Phänomen Krieg umzugehen. So sammelten wir Granatsplitter von den Flak-Granaten, die bei jedem Luftangriff in großer Menge am Himmel über uns explodierten und eigentlich die Flugzeuge treffen sollten. Oft erhellten Scheinwerferkegel die Nacht und bekamen manchmal auch eines der vielen Flugzeuge in ihren Schein. Das war dann besonderer Anlass für die Flakgeschütze, wie wütend auf sie zu schießen. Wir Kinder beobachteten solche Vorkommnisse – zusammen mit Erwachsenen – vom Garten oder vom Kellerfenster aus. Die herabgefallenen Splitter der Granaten sammelten wir am andern Tag auf, brachten sie mit in die Schule, tauschten sie nach Größe und Menge gegeneinander. Besonderen Tauschwert hatten Bombensplitter von Sprengbomben, die man anfangs ganz selten zu sehen bekam. - Noch im Sommer 1943 gingen wir unbefangen mit der drohenden Gefahr der nächtlichen Luftangriffe um. So zeltete ich häufig mit Freunden in deren Garten; und erst beim Ertönen der Sirenen machten wir uns auf den Weg nach Hause und in den Keller beziehungsweise in den Bunker.

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Erste große Fahrradtour

In den Großen Ferien 1943 heckten mein Freund Reiner Kern und ich den Plan aus, eine größere Radtour zu unternehmen. Seine Eltern hatten in einem Bauernhaus in Rittersbach im Odenwald Räume angemietet, um Möbel vor den Luftangriffen unterzustellen. Der Ort lag in der Nachbarschaft von Dallau bei Mosbach, wo die Biemer’sche Mühle steht, die Heimat meiner Ahnen. Dahin war ich fast jedes Jahr in den Ferien mit der Bahn gefahren. Dieses Mal sollte es mit dem Fahrrad sein. An einem heißen Sommermorgen fuhren wir über die Landstraße nach Ladenburg, Dossenheim und Heidelberg; dem Neckar entlang nach Eberbach, von Neckarelz nach Dallau und über den letzten kräftigen Anstieg nach Rittersbach. Erschöpft und durstig, mit Sonnenbrand auf den Oberschenkeln kamen wir an. Aber schon am nächsten Tag waren wir wieder unterwegs. Die Nachricht vom Tod meiner Großmutter Apollonia Biemer am 30. Juli 1943 und ihre Beerdigung in Dallau machte unserer Exkursion ein unverhofftes Ende.

KLV–Lager: Kinder-Land-Verschickung (=KLV) 1943 – 1944 (siehe auch: Erinnerungen an Zillisheim)

Obgleich die deutschen Truppen alle Staaten in Westeuropa von Norwegen über Dänemark, Holland, Belgien bis Frankreich besetzt hielten, hatten Hitler und seine Generäle Angst, eine Invasion nach England zu starten und brachen statt dessen einen Krieg mit Russland vom Zaun. Das erwies sich für die Strategie der Nazis als fatal. Denn in England sammelten sich nun, seit die USA in den Krieg eingetreten waren, die Bomberverbände der Amerikaner. Luftangriffe auf deutsche Städte wurden von da an zahlreicher und heftiger. Mannheim erlebte eine verheerenden Luftangriff in der Nacht vom 5. auf 6. September 1943. Zum Glück gab es am Ende unserer Straße einen zum Luftschutz erbauten riesigen Bunker, in den sich dreitausend Menschen bei Alarm flüchten konnten. Auf dem Weg dahin sahen wir so etwas wie langsam herab schwebende große Christbäume über anderen Stadtvierteln, farbig leuchtende Phosphor-Brandbomben, die beim Aufschlagen auf Dächern und Boden alles in ein Flammenmeer verwandelten. Erst in einer zweiten Zerstörungswelle warfen die Flieger Sprengbomben ab. Als wir nach dem Ertönen der Entwarnungssirene in die Wohnung zurückkehrten, lagen die Fensterscheiben auf den Betten und der Boden war von Scherben übersät. Wir gingen die Straße entlang, von schauriger Neugier getrieben: Überall traten wir auf Scherben, die Luft war von einem süßlichen Gestank erfüllt: Phosphor. Der Himmel über der Innenstadt war von Feuerbränden erhellt. Obwohl wir vom überstandenen Schrecken totmüde waren, konnten wir lange nicht schlafen. – Nach einem weiteren Angriff am 23./24. September befahl die Kreisleitung der NSDAP (= National-Sozialistische Deutsche Arbeiter Partei = Nazi) in der Stadt Mannheim die Schülerinnen und Schüler zu evakuieren, d.h. in Gebiete zu senden, wo es keine Luftangriffe gab. So kam es, dass unsere ganze Klasse, ja alle Schüler unserer Schule vom 5. bis zum 8. Schuljahr am 18. Oktober 1943 mit einem Sonderzug nach Zillisheim bei Mulhouse gebracht wurden.

In Zillisheim gab und gibt es ein großzügig ausgeführtes Internatsschulgebäude, das im 19. Jahrhundert als „Petit Séminaire“ der Diözese Stasbourg erbaut worden war und das die Deutschen beschlagnahmt hatten. In diesem quadratischen Bau am Ufer des Rhein – Rhône – Kanals lebten von nun an die Schüler des 5. bis 8. Schuljahres der Mannheimer Mollschule. Die 9. Klasse, also die 15-16Jährigen, wurden zur Heimatflak (FLAK = FlugAbwehrKanone) eingezogen, und die älteren Jahrgänge waren sowieso schon beim Arbeitsdienst und Militär.

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Plötzlich war durch den Krieg in unserem Leben eine krasse Veränderung eingetreten. Wir waren weit weg von zu Hause, von den Eltern, von der gewohnten Umgebung. Wir lebten in zwei Schlafsälen mit insgesamt neunzig Schülern. Die Betten standen jeweils in zwei langen Reihen; dazwischen war genug Platz, um alle Schüler des Morgens zum Appell antreten zu lassen. Es gab auch Studiersäle und für jede Klasse ein Klassenzimmer für den morgendlichen Unterricht. Jeder von uns hatte einen verschließbaren „Spind“, in dem er seine Wäsche und Habseligkeiten aufbewahren konnte. Alle vierzehn Tage war „Putz- und Flickstunde“ auf dem Wochenplan, um Knöpfe anzunähen, Wäsche zu sortieren, Schuhe zu putzen usw. - Unser Tagesablauf war genau gegliedert mit Schwerpunkt auf Unterricht, sportlicher Betätigung und paramilitärischem Drill. Ich hatte die Aufgabe, täglich um 6.30 Uhr die Jungen in unserem Saal zu wecken. Eine Uhr bekam ich seltsamerweise nicht für diese Aufgabe, wohl aber eine Trillerpfeife. Nach dem Aufstehen rannten wir in Gruppen nackt zum kalten Duschen in die Kelleretage. Vor dem Frühstück wurden die Betten gemacht und war Schul-Appell. In den Vormittag passten fünf Schulstunden. Nach dem Mittagessen war „Liegestunde“, danach Sport. Nach dem Kaffee um 16 Uhr 30 begannen die Arbeitsstunden für die Hausaufgaben. Nach dem Abendessen war Freizeit für Arbeitsgemeinschaften. Ab 21 Uhr 30 war Bettruhe angesagt. An zwei Nachmittagen der Woche übten wir Marschieren in Formation. - Von Kriegseinwirkungen lasen wir jetzt nur noch in den Briefen und Nachrichten von zu Hause. Am 18.-19. November 1943 war einer der schwersten Luftangriffe auf die Industriegebiete von Nord- und Ost-Mannheim, also auch Käfertal-Süd. Wir gaben einander die Neuigkeiten aus den Briefen weiter und waren besorgt, wie es wohl zu Hause ausschauen würde. In Zeitungsausschnitten hieß es lediglich: "Größere Schäden werden aus Mannheim gemeldet. Die Bevölkerung hatte geringe Verluste." – Spätestens abends vor dem Einschlafen war Zeit für Heimweh. Dann konnte niemand die Tränen sehen.

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Ernteeinsatz in Hegenheim

Eines Morgens im November wurden wir sechzehn Jungen der 4. Klasse von unserem Lagerleiter, Herrn Autenrieth, für einen Ernteeinsatz zum Kartoffelausmachen in Hegenheim abkommandiert. Bei dem kleinen Ort in der Nähe der Schweizer Grenze nicht weit von St. Louis lagen ausgedehnte Kartoffelfelder. Mannheimer Schüler aus verschiedenen KLV-Lagern wurden zusammengeholt, um die maschinell ausgeworfenen Kartoffel aufzulesen. Unsere Klasse wurde mitten in Hegenheim in einem kleinen Schlößchen einquartiert. Wir schliefen in einem ausgeräumten Zimmer mit etwas Stroh auf blankem Parkettboden, Mann an Mann. Auf dem Feld war es morgens jahreszeitlich kalt. Und als eines Tages bis zum späten Nachmittag keine Feldküche erschien und kein Proviant eintraf, beschlossen wir, unsere Koffer zu packen und gemeinsam zur nächsten Bahnstation zu marschieren. Gesagt getan. Fast hätte es geklappt. Gerade als wir den Ort mit dem Bahnhof erreichten, hörten wir hinter uns ein Motorrad: Der Adjutant des Bannführers von Mülhausen, gewissermaßen der „Standortkommandant“, den wir seines dicken Revolvers wegen „Colt-Müller“ nannten, holte uns ein. Erst schrie er uns an, dann überredete er uns zurückzukehren und versprach ein reichhaltiges Abendessen. Doch dort angekommen, mussten wir einen Appell von zwei eigenartigen Herren in Zivil mit Schlapphüten und Partei-Abzeichen über uns ergehen lassen. Sie bezichtigten uns der Meuterei, „während unsere Väter und Brüder an der Ostfront verbluteten“, und falls wir keine Einsicht zeigten, kämen wir in ein „Konzentrationslager“. Da war es das Unwort aus offiziellem Munde, ein einziges Mal. Ich war so verängstigt, dass ich den Vorfall meinen Eltern nach Hause schrieb. Offensichtlich war ich nicht der einzige. In der folgenden Woche kamen einige Mannheimer Eltern persönlich, um nach uns zu schauen. –

An den frühen und langen Abenden der beiden nächsten Wochen gingen wir mitunter hinaus an die Schweizer Grenze. Von dort konnte man hinunter auf die Lichter der hellerleuchteten Stadt Basel sehen und man konnte die Glocken in die Nacht läuten hören. Welch ein Erlebnis! Wir waren vierzehn Jahre alt und hatten so etwas noch nie mit Bewusstsein erlebt; denn seit vier Jahren herrschte Krieg, Verdunklung, Zerstörung. Keiner redete, keiner wollte zeigen, dass er mit den Tränen kämpfte.

Zurück in Zillisheim hatte uns der Lager- oder Schulalltag bald eingeholt. Langeweile war ein häufiger Begleiter in diesen Monaten. Mitunter durften wir sonntags zur Aufbesserung der Stimmung nach Mulhouse ins Kino. Damals wurde Heinz Rühmanns „Feuerzangenbowle“ erstmals gespielt, ein großes Erlebnis. – Da Abwechslung willkommen war, genossen wir auch, dass im Februar 1944 neune Schüler aus unserer Klasse in die Vogesen abkommandiert wurden, um bei einemUnteroffizier der Gebirgsjäger Skilaufen zu lernen. Man nannte das „Wehrertüchtigung“. Egal wie man es nannte: Wir fuhren von Colmar aus mit einem Linienbus das Munstertal hoch bis zum Col de Schlucht. Dort wohnten wir eine Woche lang im "Hôtel de Roches", das damals Felsenhotel hieß. Auf den überstempelten Postkarten konnten wir den französischen Originalnamen ausfindig machen, unter dem es bis heute betrieben wird. Der Skikurs war immerhin so erfolgreich, dass wir am Abschlusstag eine Skiwanderung über die Hohneck bis nach Schiesrodried unternehmen konnten (oder mussten). Nach dieser für die meisten von uns völlig neuen Möglichkeit zum Wintersport kehrten sie fröhlich und erfrischt ins Schulleben des KLV-Lagers zurück.

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Osterkommunion 1944

Das Frühjahr kam. Zur Osterzeit hatten wir zwar die üblichen Ferien. durften aber nicht nach Hause. So waren die Tage in ihrem Verlauf durch die lange Vormittagsphase noch schwieriger und langweiliger geworden als während der Schulzeit. Die Teilnahme an der Karwochen-Liturgie der Pfarrgemeinde Zillisheim war vorgesehen. Anderseits erlaubte der Lagerleiter drei Schülern, die ihn danach fragten, am Ostermorgen (9. April) zur Heiligen Messe zu gehen. So kam ich mit zwei Mitschülern in die Pfarrkirche von Zillisheim zum Oster-Hochamt. Es wurde allerdings eine Kontrasterfahrung -, denn trotz der feierlichen Stimmung in der Liturgie blieben wir Fremde, unerwünscht. Wir gingen wortkarg ins Internat zurück. – Ich hatte noch ein weiteres Problem, das in der Spannungslinie von Kirche und NS-Staat, Deutschen und Franzosen (Elsässern) lag. Meine Mutter hatte mich in einem ihrer Briefe darauf hingewiesen: die Osterkommunion. Wir hatten uns ja nicht getraut an Ostern ohne vorherigen Empfang des Bußsakraments nach so langer Zeit ohne kirchliche Praxis einfach zur Kommunion zu gehen. Also versuchte ich dem Lagerleiter die Bedeutsamkeit der „Katholischen Osterpflicht“ klarzumachen. Und obwohl ich einer der „Schlafsaal- bzw. Lagerunterführer“ war, ließ er sich überzeugen und gab mir am folgenden Samstagnachmittag frei zur Osterbeichte und am Weißen Sonntag zum Besuch des Pfarr-Gottesdienstes und dem Empfang der Osterkommunion. Dieses Mal war ich allein ohne Mitschüler.

Die Invasion im Juni 1944

Die folgenden Wochen waren so warm und sonnig, daß wir nicht nur unsere Modellboote auf dem Kanal fahren lassen konnten sondern schwimmend und Wasserball spielend in den Fluten tummelten. Der "Rhein-Rhône" gehörte zu den hellen und - besonders bei Heimweh - trostreichen Aufenthaltsorten: schwimmen, endlos entlang wandern oder auch einfach nur stehen und der Strömung zuschauen und die Zeit und sich vergessen.

An irgendeinem Nachmittag während der folgenden Wochen wurden wir in den Theatersaal befohlen. wo uns eine dreiköpfige Delegation von uniformierten SS-Männern mit freundlichen Mienen empfing. Sie hielten eine Ansprache mit dem Inhalt, dass wir uns schon jetzt freiwillig zum Wehrdienst melden und in freier Wahl unsere künftige Waffengattung aussuchen könnten. Danach belehrte einer von ihnen noch einmal jeden einzelnen von uns persönlich darüber, dass sein „Wunsch“ am besten bei der Waffen-SS erfüllt werden könne; der andere schrieb die Namen und die getroffene Wahl auf. Unvergesslich ist mir der Mitschüler aus der 8. Klasse, der neben mir saß und begeistert sagte, er wolle mal zum Afrika-Corps. Es half nichts, auch er landete auf dem Bestellzettel der Waffen-SS.

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Vom Tag der Invasion an, als die Alliierten Streitkräfte in der Normandie gelandet waren, gab unser Lagerleiter jede Woche einen Abendunterricht über die militärische Lage. Wir merkten, dass die Situation bedrohend wurde und er sich darum bemühte, die Rückschläge der deutschen Truppen zu beschönigen.

An einem Mittwochnachmittag Ende Juni, als wir gerade von einem Ausmarsch zurückgekehrt waren und nach dem Kommando "Weggetreten!" zum Kaffee in den Speisesaal stürmten, stand plötzlich meine Mutter im Hof. Meine Mutter gehörte zwar zu den "einfachen" Menschen ohne eine besondere Schulbildung. Sie hatte jedoch genug Spürsinn und praktische Intelligenz, um kritische Lebenssituationen richtig zu beurteilen und im gegenwärtigen Fall die Folgen der Invasion einzuschätzen und die Parteimechanismen zu durchschauen, die uns Schüler in den Lagern festhielten. Sie hatte sich mit Mutterschläue bei der „Gebietsleitung“ der Hitlerjugend in Strasbourg die Erlaubnis besorgt, dass ich das KLV- Lager verlassen und mit ihr nach Hause zu fahren konnte.

Da der Lagerleiter ihr keine Übernachtungsmöglichkeit anbot, suchten wir im Dorf Zillisheim. Aber es gab weder ein Hotel noch eine private Unterkunft. Meine Mutter ließ sich im Wartehäuschen am Bahnhof nieder. Von dort holten sie spät abends die Bahnwärtersleute in ihr Haus, räumten ein Bett aus ihrem Schafzimmer und schlugen es im Wohnzimmer für sie auf. Meine Mutter war überwältigt von der Freundlichkeit der Menschen und hielt lange Zeit brieflichen Kontakt. Nach über zwanzig Jahren - ich war inzwischen Dozent am Priesterseminar St. Peter im Schwarzwald – äußerte meine Mutter den Wunsch, noch einmal nach Zillisheim zurückzukehren. Am 26. März 1965 suchten wir dort nach den Bahnwärtersleuten, vergeblich. Aber ins Collège Episcopale wurden wir eingelassen. Zum ersten Mal kniete ich nun lange und versonnen in der großen Kirche, die uns während des ersten Aufenthalts verschlossen geblieben war. Draußen läutete die Glocke zur Pause. Eine laut-fröhliche Schar von Kindern und Jugendlichen stürmte durch die Korridore. Der Kreis schloss sich. Die Erinnerung war perfekt.

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Schanzen hinter der Westfront

Wieder zu Hause! Nach einem Dreivierteljahr Abwesenheit hatte ich ein ganz fremdes Gefühl in der heimischen Umgebung. Zuerst gab es Tage, ja Wochen des Erzählens. Immerhin waren da auch äußere Anlässe wie der von einer Sechskantbrandbombe durchschlagene Dachkandel vor dem Haus und die Brandspuren an der Facade. Im Nachbarhaus gegenüber war der oberste Stock ausgebrannt. Um, die Ecke, in der Deidesheimer Str. 55, hatte ein viermotoriger amerikanischer Bomber das ganze Anwesen durchpflügt und lag als Wrack im Garten daneben (bei Finsterles und Dr. Hausmanns). Auch der erste Gang durch die Innenstadt zeigte zertrümmerte und ausgebrannte Häuser. Mannheim war nicht mehr dasselbe. - Nach den ersten Tagen versuchte ich die alten Freunde zu besuchen, konnte sie aber nicht finden. Natürlich waren alle Kinder und Jugendliche evakuiert, war doch selbst meine kleine Schwester mit ihren zehn Jahren ins Hessische Babenhausen verbracht worden. In Mannheim gab es keinen Unterricht. Die Schulen waren und blieben geschlossen. Auch als immer mehr Eltern ihre Kinder nach Hause holten. Der Vormarsch der alliierten Truppen in der Normandie war nicht aufzuhalten. –

Wie der Blitz aus sonnigem Himmel kam Anfang September 1944 der Befehl der Parteileitung, alle männlichen Jugendlichen der ganzen Stadt zu versammeln, um sie hinter der Westfront zum Bau von Schützengräben einzusetzen. Jetzt erst konnte man am Mannheimer Hauptbahnhof sehen, wie viele junge Leute wieder in Mannheim wohnten. In mehreren Sonderzügen, die nur nachts fahren durften, wurden wir nach Sarrebourg gebracht, auf Lastkraftwagen verfrachtet und – im Land verstreut – in den Scheunen von Bauernhöfen einquartiert. Jeden Morgen marschierten wir zu unserer Einsatzstelle. Jede Nacht mussten wir zu zweien mit einem grauhaarigen SA-Mann eine Stunde Wache halten. Im Flüsterton vertraute uns der Alte an, dass das Gewehr, das er trug, eine Beutewaffe von der Ostfront sei und er selbst nicht wisse, wie es im Ernstfall zu bedienen sei. Das gab kein besonderes Sicherheitsgefühl. – Wir hatten jedenfalls reichlich Gelegenheit bei Tag und Nacht mit der Natur um uns in Kontakt zu kommen. Eines Abends sprach ich beim Einschlafen in den weiten Raum der Scheune hinein zu den Kameraden von der Schönheit des nächtlichen Sternhimmels, von den unvorstellbaren Entfernungen zwischen den Sternen, von dem, was hinter den Sternen liegen könnte. Die Reaktion war heftig. Die einen forderten Ruhe, damit sie schlafen konnten. Andere wollten darüber mehr wissen und schlugen vor, aus der Scheune zu gehen, um miteinander reden zu können. Was ist die Welt, wer sind wir Menschen, was kann man darüber wissen? Die Fragen nach der Herkunft und dem Ziel der menschlichen Existenz und aller Dinge überhaupt begannen mich damals in der Ausnahmesituation am Rande der Zivilisation zu beschäftigen und ließen mich nicht mehr los.

Einen einzigartig niederschmetternden Eindruck machten auf uns die alliierten Bomberflotten, die fast täglich vormittags gegen elf Uhr in breiter Front vom Westen kommend uns überflogen in Richtung Heimat, wo sie ihre tödliche Last abwarfen. Der Kontrast zwischen uns jungen Kerlen, die hier unten ein paar Gräben aushoben, und diesen technisch hochgerüsteten Luftgeschwadern, denen kein einziges Zeichen von Abwehr begegnete, hätte nicht größer sein können. Unter dem Dröhnen der Motoren rollten die ausgehobenen Erdschollen langsam und spielerisch zurück in den Graben. Welch ein Unsinn dieser Hitlersche Krieg war, konnte kaum drastischer demonstriert werden. Dennoch getraute sich keiner öffentlich darüber zu reden; hatte doch der Mannheimer Bannführer Barth, der eines Nachmittags zur Besichtigung gekommen war, gesagt, er habe mehrere junge Lothringer aus dieser Gegend erhängen lassen, weil sie nicht zum Wehrdienst gegangen seien.

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Auf der Flucht

Statt Unterricht in der Schule gab es für Jugendliche in Mannheim im Herbst 1944 „Dienstverpflichtung-sbescheide“ zur Arbeit in Betrieben, die für die Rüstung wichtig waren. So wurde ich auf 9. Oktober 1944 zum Dienstantritt als Hilfsarbeiter bei einer kleinen Firma verpflichtet, die in großer Zahl Elektrodenhalter zum Schweißen von Panzerplatten herstellte. Dort war ich unter der Anleitung eines belgischen Kriegsgefangenen bis zum März 1945 tätig und verdiente mein erstes eigenes Geld.

In der Nacht vom 17. auf 18. März 1945 flohen wir aus Mannheim. Im Sender BBC hatten wir – dem offiziellen Verbot zum Trotz - die Warnung an die deutsche Zivilbevölkerung gehört, die Großstädte zu verlassen, da die Bunker den jetzt eingesetzten Sprengbomben nicht standhalten würden. Wie gewöhnlich war auch in dieser Nacht Alarm: „Feindliche Bomberverbände waren im Anflug“, wie es im Polizeifunk hieß. Darmstadt erlebte einen seiner schwersten Luftangriffe. Wir hatten schon seit Stunden unsere wichtigste Habe in Koffern auf unseren Leiterwagen gepackt. Als nach zwei Uhr die Entwarnungssirene ertönte, machten wir und auf den Weg aus Mannheim hinaus nach Heidelberg und zogen dem Neckar entlang über Neckarelz nach Dallau zur Biemer’schen Mühle. Wir, meine Mutter. meine Schwester, die genau ihren 11. Geburtstag hatte, und ich, wanderten mit unseren Habseligkeiten aus der Nacht in den Tag und bis in die folgende Nacht gegen Morgen. Unterwegs konnten wir feststellen, dass unzählige andere in dieser Nacht denselben Entschluss gefasst hatten. Die Neckartalstraße und Bahnen und Busse waren überfüllt. Jagdbomber der Alliierten überflogen die Fliehenden und beschossen sie. Wir hatten Glück und kamen so davon.

Die letzten Wochen vor dem Ende des Krieges waren chaotisch. Hitler wollte keinen Frieden und geordneten Schluss des Krieges. Er wollte möglichst viele oder alle mit in den Abgrund reißen wollte. Kaum war ich in Dallau angekommen, bekam ich einen Stellungsbefehl zu SS-Division „Hitlerjugend“ und sollte mich bei einem Standort melden. Schon in Mannheim hatte ich vor unserer Flucht einen Stellungsbefehl zum Reichsarbeitsdienst erhalten. Meine Mutter verbrannte beide. – Es herrschte Untergangsstimmung, und alle wussten, dass es nicht mehr lange dauern konnte. Man wartete, bis die Truppen der Amerikaner kamen. Persönlich war ich eher positiv gestimmt. Die immer unsicherer gewordene Lebenssituation mit den bedrohenden Maßnahmen der eigenen Regierung, dazu die nun rund um die Uhr stattfindenden Luftangriffe der Alliierten und die immer näher rückende Front der kämpfenden Truppen machten das Abwarten unerträglich. Ich spürte, dass der Umsturz aller bisher herrschenden Verhältnisse kurz bevorstand. Ich hatte nichts zu verlieren. Unsere Eltern waren keine Nazis gewesen und hatten uns nach den Werten des Christentums erzogen. Diese Werte – Menschenwürde, Nächstenliebe, Ehrfurcht vor Gott, Friedfertigkeit - würden nach dem Krieg neu Geltung habe. Das konnte ich zwar so noch nicht ausdenken, wie ich es hier darstelle; aber ich spürte, dass das Ende dieses schauerlichen Krieges absolut positiv wäre. Je schneller, desto besser.

Als die Spitze der Panzerverbände auf der Landstraße in Dallau eingezogen und durch das Dorf durchgefahren war, war der Krieg für uns vorbei, obgleich noch nicht der 8. Mai war, der Tag der Kapitulation und des offiziellen Endes des Zweiten Weltkriegs. – Bald danach hielt es uns nicht länger in der gastlichen Mühle im verträumten Mariental weitab von den nächsten Dörfern. Wir suchten einen Weg durch den Wald und über Feldwege hinüber ins Neckartal und gingen auf der Anhöhe parallel zum Fluss. Auf den Landstraßen rollte pausenlos der alliierte Nachschub und Fußgänger hatten keine Chance. Erst in Heidelberg-Ziegelhausen kamen wir in städtische Gefilde. Dort mussten wir dann auch vor riesigen Amphibienfahrzeugen, die durch die enge Ortsdurchfahrt sausten, in Toreinfahrten flüchten. Ich war voll Erstaunen: Mit wenigen solcher Fahrzeuge konnte man eine Brücke bilden und Flüsse wie Neckar oder Donau nach wenigen Stunden Panzern und Truppen überqueren. – Und dann kamen wir wieder nach Hause! Der Anblick unseres Hauses – alles war, wie wir es verlassen hatten. Manche Nachbarn waren schon zurück. Man begrüßte sich wie Geschwister einer großen Familie. Nachrichten machten die Runde, gute und traurige. Und beim Zubettgehen überkam mich ein einmaliges Gefühl: Es wird nie mehr wieder Fliegeralarm geben; du brauchst keine Angst zu haben vor Bomben; du kannst schlafen bis zum nächsten Morgen. Schade, dass die Leute dieses Gefühl so bald vergessen haben.

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Der Aufbau einer neuen Welt

Wie Leben in einer demokratisch aufgebauten Gesellschaft vor sich geht, mussten wir jüngere Bürger erst lernen. Und zu allererst galt es Schutt wegzuräumen und geduldig Stein auf Stein neu aufzubauen. Im Sommer 1945 klopfte ich im Hof der Tulla-Schule Mörtel von Backsteinen ab, um sie zum Aufbauen verwenden zu können. Nach einigen Wochen wurde bei unserer Gruppe einer gesucht, der Litfasssäulen bekleben kann: Plakate mit den neuesten Bekanntmachungen der Militärregierung. Das war immerhin ein bezahlter Job. Ein paar Monate später mussten alle männlichen Jugendlichen einen Dienst beim Aufladen der Trümmerhügel auf Kippwagen zu leisten, die von kleinen Lokomotiven aus der Innenstadt transportiert wurden. Jeder von uns opferte drei Wochen seiner Ferien; andernfalls bekam er keine Lebensmittelkarten mehr. Aber all diese Aktivitäten erschienen uns positiv und aussichtsreich. Wir hatten eine Talsohle durchschritten; da konnte es nur noch aufwärts gehen.

Die Albertus Magnus-Schule: Meine Frühlingsjahre (1945 - 1949)

Am 15. November, dem Tag des heiligen Albertus Magnus (1193 – 1280), wurde ich in die achte Klasse (Untertertia) des neu eröffneten Gymnasiums aufgenommen, das seinen Namen trug. Das war in Viernheim. Eineinhalb Jahre hatte ich keine Schule mehr besucht, und es war unklar gewesen, ob ich überhaupt noch einmal zur Schule gehen könnte. Jetzt lag die neue Chance vor mir, und, wie alle Mitschüler, wollte ich sie intensiv benützen. Auch das junge Lehrerkollegium war hoch motiviert. Durchschnittsalter etwa 36 Jahre! Manche kamen direkt aus dem Gefangenenlager, noch in einer leicht abgeänderten Uniform zum Unterricht; denn neue Anzüge waren teuer und selten. Wir lernten, was das Zeug hielt. Da gab es zum Beispiel für Latein, das wir alle vergessen hatten, nicht nur eine normale Unterrichtsstunde täglich, sondern auch noch zusätzlich Sonderunterricht vor Schulbeginn um 7 Uhr und ein Sonderangebot nach Unterrichtsschluss um 13 Uhr. Innerhalb von vier Jahren schafften wir das Abitur im Herbst 1949. Aber das war keine traurig-ernste Zeit unaufhörlichen Paukens. Das Gegenteil war der Fall. Es waren die schönsten Jahre meines Lebens, voll von Herausforderungen, die man meistern konnte, und Angeboten, die das Leben bereicherten. In der Pfarrgemeinde St. Hildegard fanden sich zum Beispiel Rückkehrer aus Krieg und Gefangenschaft ein, die Erfahrungen mit dem Gruppenleben der Katholischen Jugend hatten, bevor es von den Nazis verboten worden war. So bildeten wir in der Pfarrgemeinde Jugendgruppen, gingen auf Wochenendwanderungen, lernten Zelten, eigneten uns die alten Lieder an, hatten gute Kameraden und gemeinsame Pläne. - Da es im Stundenplan unserer Schule noch keine Zeit für Leibesübungen gab, ging ich mit Klassenkameraden in den Käfertaler Sportclub (SCK), wo wir in der Abteilung Leichtathletik trainierten und unter anderem 1948 die Kreismeisterschaften in der 4 x 100m – Staffel der Stadt Mannheim gewannen. Zur Selbstverteidigung trainierten wir Boxen im ehemaligen Wohnzimmer von Werner Ulrich, das einen tollen Parkettboden hatte, der aber nur zur Hälfte erhalten war, weil eine Sprengbombe die Hälfte des Hauses zerstört hatte. – Obwohl wir keine große Lust dazu hatten, folgten wir der Motivation durch unsere Klassenkameradinnen und besuchten einen Tanzkurs; zuerst mit nur mäßigem Erfolg. Aber irgendwie gehörte diese Bewegungsart zu gesellschaftlichen Ereignissen wie etwa unseren zahlreichen Klassenfesten. Und mit der Zeit und Übung machte es auch Spaß. – Neben geometrischen Gesetzen nach Pythagoras lernten wir auch den Umgang mit Sphärischer Trigonometrie und den dabei unvermeidlichen Logarithmen(tafeln). Mehr Lebensübersicht gewann ich aus dem Geschichtsunterricht und aus literarischen Dokumenten von Shakespeare, Goethe, Hölderlin und Eichendorff. Theaterspiel war eine wichtige Nebentätigkeit sowohl in der Schule wie in der Pfarrgemeinde. Mit der mehrmaligen Aufführung der „Freier“ von Eichendorff spielte unsere Klasse soviel Geld ein, dass wir für eine Woche das geschichtsträchtige Trier besuchen konnten.

Wenige Monate vor dem Abitur entschied ich mich, Theologie zu studieren und katholischer Priester zu werden. In den Jahren zuvor hatte ich mitunter an Einkehrtagen und Exerzitien teilgenommen und meine alten Fragen nach dem Sinn unseres Lebens und des Weltalls immer wieder einmal aufgenommen. Jetzt, wo es um das Ganze meines Lebens ging, wollte ich auch keine Kompromisse, sondern dem geheimnisvollen und rätselhaften Urgrund allen Seins mein Leben verschreiben. Meiner Freundin Mary in Neuß, mit der ich über zwei Jahren in intensiver Korrespondenz stand, teilte ich meinen Entschluss mit, und darauf hin schrieb sie mir einen sehr heftigen Abschiedstext. Auch meine Eltern waren enttäuscht und meinten, dafür hätte ich kein Abitur mit 1 machen brauchen. In einem etwas dramatisch klingenden Brief an sie schrieb ich deshalb am 2. Juni 1949, wie viel sie mir bedeuteten: „Das hat mir den Weg geöffnet und gibt mir die Möglichkeit, ein ganzer Mensch zu werden, dass ich erfahren habe, was Elternliebe und Elternstrenge ist ... So spreche ich denn nach allem Dank an Euch die Bitte aus: Gebt mich Dem zurück, von Dem Ihr mich erhalten habt, damit ich Euch zur Freude lebe, wie Ihr es verdient habt.“

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Studienjahre 1950 – 1955 und 1957 – 1959

Ein Jahr verbrauchte ich noch, um das Ergänzungs-Abitur in Griechisch und Hebräisch abzulegen. Danach begann ich im Wintersemester 1950 das Studium der Theologie in der vom Krieg zertrümmerten Stadt Freiburg. Was der Mensch ist und was die Welt in seinem Leben bedeutet und weshalb Werte wie Wahrheit, Gutheit, Gerechtigkeit unverzichtbar sind: das waren Fragestellungen, die wir in den Werken großer Philosophen kennen lernten: Bei Aristoteles, Augustinus, Thomas von Aquin, Blaise Pascal und anderen. Wie das Alte und wie das Neue Testament entstand beschäftigte uns jeweils ein Semester lang. Die Epochen der Geschichte unserer Kirche in der Antike, im Mittelalter und in der Neuzeit wurde vor unseren geistigen Augen entfaltet. Im Nu waren vier Semester vorüber und die Zeit gekommen für das erste zusammenfassende Examen, das Philosophicum. Ich gewann ein großzügiges Stipendium, das mir erlaubte, ein Jahr lang im Ausland zu studieren. Wohin? Noch gab es unter den Mitstudenten der höheren Semester ehemalige Kriegsgefangene, die in Colchester in England gewesen waren und auch noch zu dortigen Priestern Kontakt hatten. Einer der dortigen war inzwischen Professor am Oscott College bei Birmingham. Das wurde meine Studien-Connection: Henry Francis Davis. Er war es, der mich im September 1952 bis zum Juni 1953 in das Leben und die Theologie von Kardinal John Henry Newman einführte, der für mich mein ganzes Leben lang bedeutsam bleiben sollte. Es war ein r echtes Abenteuer als junger Deutscher sieben Jahre nach dem verlorenen Krieg in das Land der Sieger zu gehen und dort die Fremdheit der Sprache, der Menschen, ihrer Geschichte und ihrer Lebenseinstellung in Erfahrung zu bringen und zusätzlich Examina abzulegen, die für mein weiteres Studium zu Hause zählten. Oscott College war ein riesiges Gebäude mit Vorlesungshalle, Internatsflügel, wo die Zimmer der Studenten waren, dem Wohn trakt der Professoren und einer großzügig gebauten Kapelle. Ich werde nie jenen ersten Sonntag Morgen vergessen, an dem ich allein in dem weit ausgedehnten Park ging und von den Kirchen der umliegenden Dörfer die Sonntagsglocken läuten hörte. Sie haben in England aufgrund der anderen Läutetechnik einen ganz anderen Klang. Und ich dachte mit, dass meine Lieben zu Hause das nie hören würden und ich es ihnen auch durch Beschreibung nicht so vermitteln konnte; und ein heftiges Heimweh befiel mich, über das ich mit niemand reden konnte.

Bevor ich von England zurückkehrte, hatte ich die Chance wahrgenommen, auch eine Stipvisite in Irland zu machen, wo ich Dublin und Glendalough kennen lernte. Ein Stück Welt hatte sich mir geöffnet: Landschaft, Sprache, Menschen; und unter ihnen wunderbare Freunde für viele Jahre. Es war ein gutes Gefühl, mich mit den irischen und englischen Mitstudenten mühelos in ihrer Sprache unterhalten zu können. Ich war ein anderer Mensch geworden als ich im Wintersemester 1953 zum letzten Studienjahr nach Freiburg kam und mich an die Abfassung meiner Diplomarbeit für das Schlussexamen machte. Diese Mal sollte es nicht John Henry Newman sein, sondern einer der frühen und größten Denker der Kirche und des Abendlandes: Aurelius Augustinus (354 – 430). Seine Heimatsprache war nicht Englisch, sondern Latein. Zehn große Folianten fassen seine Werke und ich suchte, wie er mit den Aussagen über Jesus Christus als Gottes Sohn umgegangen war.

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Nach dem Abschlussexamen zog ich im Herbst 1954 mit den Studiengenossen meines Jahrgangs ins Priesterseminar nach St. Peter im Schwarzwald. Ein Jahr der Meditation und der Einführung in die Praxis ließ uns alle noch einmal über die Botschaft des Evangeliums Jesu nachdenken, die wir gründlich kennen gelernt hatten und die wir unseren Zeitgenossen, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen erschließen wollten. Das barocke Gehäuse des altehrwürdigen ehemaligen Benediktinerklosters inmitten einer traumhaft schönen Berglandschaft zwischen 700 und 1200 Metern gab uns die nötige Muße. Am 5. Juni 1955 wurden wir von Erzbischof Eugen Seiterich zu Priestern geweiht. Anregende Monate als Jugendkaplan und Religionslehrer in Schriesheim, Bischweier und Karlsruhe füllten meine Tage und halbe Nächte mit allen Aktivitäten, die ich mir gewünscht hatte. Rasch hatte ich bemerkt, dass meine Guitarre zum Einlernen von Liedern oder meine gute Laune zum Anknüpfen von Gesprächen bei jungen Menschen mindestens genau so wichtig waren, wie alle Kenntnisse der Bibel und Glaubenssätze der Kirche. Leider ging die frühlinghafte Zeit meiner ersten Praxis als Kaplan nach zwei Jahren unvermittelt zu Ende. Der Erzbischof hatte andere Pläne mit mir. Deshalb musste ich zurück zur Universität um den Doktorgrad in Theologie zu erwerben. Nach der ersten Enttäuschung fand ich das auch nicht so schlimm; denn dieses Mal konnte ich mein Thema selbst aussuchen und meine bisherigen Kenntnisse vertiefen. Ich wählte die Universität Tübingen als neuen Studienplatz und die Theologie Kardinal John Henry Newmans als Thema. „Inclusive“ gehörte zur Anfertigung dieser Doktorarbeit ein Aufenthalt in Birmingham, wo ich drei Monate in den Handschriften Newmans wühlen konnte, um zu lesen, was bisher noch kein Forscher durchgeschaut und veröffentlicht hatte. Wohnen konnte ich unentgeltlich bei einem meiner früheren Mitstudenten, der jetzt Kaplan in der Großstadt Birmingham war. Als ich einige tausend Manuskripte ausgewertet hatte und die Heimreise hätte antreten können, erfüllte ich mir den lange gehegten Wunsche, einmal um die Insel Irland herumzufahren, wenigstens teilweise. Ein Dubliner Kaplan lieh mir sein Motorrad und ich überquerte die „Smaragdgrüne Insel“, wie die Iren sagen, von Dublin über Longford nach Sligo und an der Westküste entlang nach Galway Bay. Eine seetüchtige Schaluppe brachte mich in strömendem Regen zu den Aran Islands, wo schon im 5. Jahrhundert irische Mönche gebetet und Handschriften verfasst hatten. Über Limerick und Glengariff kehrte ich zurück. – Zu Hause in Tübingen arbeitete ich die Ergebnisse meiner Forschungen aus Birmingham in meine Doktorarbeit ein und gab sie den Professoren zur Benotung. Im Mai 1959 legte ich mein Rigorosum, die mündliche Doktorprüfung, ab. Meine Aufgabe war erfüllt; ich konnte wieder zurück nach Freiburg. - Dort gab es inzwischen einen neuen Erzbischof. Dieser ernannte mich ab 1. September 1959 zum Dozenten am Priesterseminar in St. Peter, das mir ja hinreichend bekannt war, wenn auch aus einem anderen Blickwinkel.

Von dem Monat an, in dem ich das dreißigste Lebensjahr vollendete (30. 9. 59), war ich von nun an bis zum 30. September 1994 – also genau 35 Jahre – als Lehrer der Theologie an Hochschulen und Universitäten im Inland und Ausland tätig.

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Lehrjahre als Theologe 1959 – 1994

In St. Peter (!959 – 1966)
lebte ich mit drei Kollegen zusammen in einem ehemaligen barocken Benediktinerkloster aus dem 18. Jahrhundert. Mein Arbeitszimmer war die frühere Krankenkapelle mit einem weit ausladenden Deckengemälde, das den Tod Marias, der Gottesmutter, darstellte. Vom Schreibtisch aus konnte ich den Feldberg sehen. Innenwelt und Außenwelt waren dazu geeignet, mich auf meine neuen Arbeitsfelder zu konzentrieren. Und Konzentration hatte ich nötig; denn jeden Herbst kam ein neuer Jahrgang von 20 bis 30 Studenten, die sich innerhalb eines Jahres auf die Priesterweihe vorbereiteten. Meine Aufgabe war es, sie in die Liturgie einzuführen, also in das „Stundengebet der Kirche“ (Brevier) und in die Geschichte der Eucharistiefeier (Heilige Messe). Außerdem gingen wir zusammen in kleinen Gruppen zur Schule und hielten Religionsunterricht; ich jeweils die erste Stunde, die Studenten die anderen an den folgenden Tagen. Wir kritisierten uns gegenseitig und ich erschloss ihnen die Grundsätze des Lehrens und Lernens: Wie kann ich Schülern die Einsicht in neue Bereiche der Wirklichkeit ermöglichen? Unsere Wirklichkeits-Bereiche waren Abschnitte der Bibel (Geschichte des Mose oder David) oder Aktivitäten der Gemeinde, Gottesdienste zum Beispiel. Und überhaupt: wie betet man? und: Warum glauben Menschen an Gott? Was stellen wir uns vor, wenn wir von Gott oder zu Gott sprechen? Wir hatten genug zu tun und es war immer spannend. – Da ich mit den Studenten im selben Haus zusammen wohnte, war es selbstverständlich, dass wir auch zusammen beteten, Meditation hielten und die Heilige Messe feierten. Das waren unsere täglichen Tätigkeiten. So machten wir gemeinsam Erfahrungen von dem, worüber wir in der Schule sprachen. – Die sieben Jahre in St. Peter (1959 – 1966) vergingen wie im Flug, zumal sich in dieser Zeit zwei wichtige Ereignisse abspielten: das Zweite Vatikanische Konzil (1962 – 1965) und meine erste Gastprofessur in Amerika (1964). Mit dem Konzil hatte ich fast nichts zu tun. Für ein paar Tage war ich auf Einladung des Herder Verlages in Rom und hielt Vorträge über katechetische Themen. Als Gast war ich einen Vormittag lang in der Konzilaula, also in der St. Peterskirche, auf dem Beobachter-Balkon. - Anders war es mit meinem ersten Aufenthalt in den USA.

In Pittsburgh / Pennsylvania 1964

Als ich am 29. Januar 1964 in einer viermotorigen Boeing den Atlantik überquerte, lag eine monatelange stressige Vorbereitungszeit hinter mir. In den USA suchte man damals qualifizierte deutsche Theologieprofessoren, die die neuen Ideen des Konzils darstellen konnten. Eigentlich sollte mein Lehrer Heinrich Fries, München, an die Duquesne-University in Pittsburgh eingeladen werden. Doch der meinte, ich hätte die besseren Sprachkenntnisse. So ging die Einladung an mich. Es begann der Kampf mit dem Erzbischof, der mich zunächst nicht gehen lassen wollte. Dann die Bewerbung um ein Fulbright-Reisestipendium; denn immerhin kostete eine Überfahrt mit Schiff oder Flugzeug damals über 1300 DM. Tagsüber hatte ich in der Hälfte der Zeit meine gesamten Lehrverpflichtungen abzuwickeln. Abends begann ich an einem zweiten Schreibtisch in meinem Schlafzimmer mit der Niederschrift der Vorlesungen für Pittsburgh. Inzwischen war alles Nötige verpackt und in einer großen Kiste vorausgeschickt. Ich schaute aus dem Fenster und sah nach zehn Stunden Flug die vielen Häuser von Long Island, in der Ferne die ersten Wolkenkratzer von Manhattan und den J. F. Kennedy Airport. Obwohl ich ziemlich müde war, fragte ich mich nachts noch zum Time Square durch, dem Zentrum von Manhattan. Am nächsten Morgen saß ich im Zug nach Pittsburgh: noch einmal zehn Stunden Fahrt. –

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Es waren nicht die Erlebnisse der Vorlesungen und Seminare an der katholischen Duquesne University mit ihren acht tausend Studierenden, die mich am meisten beschäftigten, sondern die amerikanische Bevölkerung überhaupt. Ein Gang durch die Stadt erschien mir wie eine Begegnung mit der Wirklichkeit der schon „Vereinten“ Nationen. Hier war die UNO alltägliche Realität: Schwarze, Weiße, indianische, Chinesen und andere Asiaten und die Mischungen aus all diesen Völkern, das waren die US-Amerikaner, die ich in den Straßen und in der Kirche erlebte. Sie erschienen mir als wunderbare Menschen! Ich lebte im großen Pfarrhaus von St. Mary’s in der Innenstadt, wo jeden Morgen halbstündlich eine Heilige Messe begann. Auch ich war dazu eingeteilt. Da die Liturgiesprache (noch!) Latein war, gab es keine Probleme, welcher Nationalität der zelebrierende Priester war; z.B. Father Matthew, der nach mir kam, war aus Süd-Indien. Zu jedem Gottesdienst war die Kirche gefüllt. Die Leute nahmen die Gelegenheit wahr, auf dem Weg zum Büro ihren Tag mit der Eucharistiefeier zu beginnen. Ich hatte keine Ahnung gehabt, wie fromm die Menschen in den USA waren. Diese Erfahrung machte ich auch unter den Studierenden bei den Diskussionen in Vorlesungen oder Seminaren.

Natürlich suchte ich nach freien Wochenenden, um das Land in seiner Weite kennenzulernen. Ein Busfahrt an die Niagara Falls brachte außergewöhnliche, bleibende Eindrücke. Ein Wochenende verbrachte ich bei meinem ungarischen Freund Laszlo Fügédi, der einst zu unserer Käfertaler Jugendgruppe gehört hatte und jetzt als Ingenieur in Philadelphia lebte. Einmal reichte es zu einer Tagung in Washington D.C. – Von einzigartiger Bedeutung war eine Reise im Anschluss an das Semester durch den ganzen amerikanischen Kontinent mit einem 99-Dollar-Tickett für 99 Tage. Auf eigen Faust fuhr ich mit dem Autobus von Pittsburgh Pa. nach Chicago – Omaha/Nebraska – Denver/Colorado – über die Rocky Mountains: Salt Lake City / Utah – nach San Francisco. Zum ersten Mal saß ich am Strand des Pazifischen Ozeans. In den „Japanese Gardens“ trank ich ein Kännchen Tee als sich ein blutjunges Ehepaar zu mir setzte, mich anredete, mir erzählte, dass sie am nächsten Morgen in eine amerikanische Garnison auf den Philippinen fliegen würden und um mein Gebet bäten. Sie freuten sich, als sie hörten, dass ich von den anderen Seite der Welt kam, aus Europa. – Mein weiterer Weg führte mich nach Hollywood, wo ich bei der Uraufführung des Filmes „How the West was won“ dabei war und den Sunset Boulevard stundenlang entlang wanderte zu den Villen der großen Stars. Auch Disney Land lag auf meiner Route, ebenso Los Angeles. Durch die Wüste fuhren die Busse nach Las Vegas, nach El Paso an der mexikanischen Grenze – über Baton Rouge nach New Orleans, der Stadt des Dixieland Jazz in den Bars und Hinterhöfen. Über Memphis – St. Louis – Pittsburgh kam ich nach über drei Wochen wieder in meinem amerikanischen Zuhause an. Dort fand ich eine Einladung des Herder Verlags, Freiburg, mit einem Flugtickett vor, zwei Tage später an einer Konferenz über Religionsbücher in Montreal in Kanada teilzunehmen. Warum nicht? – Als ich Mitte August 1964 mit der „Hanseatic“ von New York aus nach Cuxhaven in See ging, lag das Erlebnis einer für mich phantastischen anderen Welt hinter mir. Ich hatte acht Tage Zeit um ein wenig zu sortieren und mich auf die „alte Welt“ vorzubereiten. Meiner Mutter hatte ich Geld geschickt, was ich erstmals in Amerika reichlich verdient hatte, damit sie nach Cuxhaven reisen konnte und das Einlaufen des Ozeanriesen erleben konnte. Für sie war es das erste Mal, dass sie das Meer sah.

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An der Universität In Tübingen (1966 - 1970)

Deutschland kam mir vor – so hatte es ein amerikanischer Besucher formuliert - „like a nice little garden“. Mein Raum- und Zeitgefühl hatten sich geändert. Ich stürzte mich auf eine überschaubare Thematik zu einer Habilitationsarbeit. Die Bibliothek von St. Peter enthielt 84 Bände eines unbekannten Franziskanermönchs aus dem 18. Jahrhundert (Edilbert Menne, 1750 - 1828). Der sollte es sein. Im Frühjahr 1966 erhielt ich eine Ruf, als Professor der Religionspädagogik nach Trier zu gehen, im Sommer als Pastoraltheologe nach Tübingen. Im November 1966 begann ich mit Vorlesungen in Tübingen. Die akademische Lehrbefähigung erteilte mir die Freiburger Theologische Fakultät im Februar 1967. Im selben Monat wurde ich vom Kultusministerium in Stuttgart zum Universitätsprofessor ernannt. Ein Jahr später war dies der meist gehasste und am meisten angegriffene Berufsstand in Deutschland: Die Zeit der 68er Studentenrevolte war gekommen. Die alltäglichen Konflikte und Diskussionen mit den Studierenden waren gewissermaßen meine Einstiegszeit in den Beruf des Universitätslehrers. Es war kein leichtes Brot für einen, der aus der benediktinischen schwarzwälder Stille des Priesterseminars von St. Peter kam. Aber zum Glück hatte ich mir auch den Wind einer amerikanischen Hochschule mit ihren demokratischen Umgangsformen um die Nase wehen lassen.

Und hier ein Beispiel über die herrschende Praxis! Mit einem Kollegen zusammen hatte ich im Vorlesungsverzeichnis ein Seminar ausgeschrieben, das sich mit den Predigten berühmter Theologen des 20. Jahrhunderts befassen sollte. Zur Vorbesprechung kamen erfreulicherweise eine Vielzahl Studierender. Jedoch nicht, um sich auf ein bestimmtes Thema festzulegen, sondern um ihren Protest anzumelden. Eine solche Ausschreibung ohne vorherige Verständigung mit den Betroffenen sei ein unerträgliches autoritäres Verfahren. Wir würden unsere Position aufgrund ererbter Strukturen zur Unterdrückung eines freien Studiums missbrauchen. Zu aller erst müsse über den Zweck und gesellschaftlichen Nutzen des Seminars diskutiert werden. Unsere Titel besagten gerade mal gar nichts über unsere Zuständigkeit zur Sache usw. Wir überlegten: Sollten wir uns auf diese Argumentation überhaupt einlassen? Aber wie konnten wir sonst die Studierenden unter den herrschenden Umständen gewinnen – besonders die Wortführer? Soweit ihre Wünsche logisch waren, konnte man sie auch klären. Wir saßen auf Tischen, Stühlen und Bänken. Wir gingen davon aus, dass Studierende und Lehrende über die gleichen Fähigkeiten verfügen; letzteren war lediglich zuzugestehen, dass sie ein paar hundert Bücher mehr gelesen und von daher in manchen Bereichen einen gewissen Wissensvorsprung hatten. Nach zweieinhalb Stunden hatten wir die Seminarthematik plausibel gemacht: Es war deutlich, dass man von allgemein anerkannten Theologen wie Karl Barth oder Romano Guardini etwas für die eigene spätere Praxis lernen konnte, wenn man ihre Theologie mit ihren Predigten verglich. Ich selbst lernte aus dieser heftigen Begegnung, dass der Zeitaufwand am Anfang sich lohnte, weil die Teilnehmer auf diese Weise das Seminar zu ihrer eigenen Sache machten und hoch motiviert während des Semesters mitarbeiteten. Als die kritische Stimmungslage der „68er“ in der Mitte der 70er Jahre abebbte, empfand ich dies als einen Verlust. Damals begann ich, in jedes Seminar mit einem Wochenende auf Berghütten einzuführen und die Studentinnen und Studenten selbst an der Ausgestaltung des Seminarplanes zu beteiligen.

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Wieder in Freiburg (1970 –1994)

Im Sommersemester 1970 folgte ich dem Ruf an die Theologische Fakultät der Universität Freiburg. Da meine Lehre und Forschung sich mit der Praxis der Kirche befasste, - also Religionsunterricht, Sakramentenkatechese, Jugendpastoral, religiöse Erwachsenenbildung, - war es ein unschätzbarer Vorteil, die maßgeblichen Leute der Praxis zu kennen: Pfarrer, Kapläne, Religionslehrer und –lehrerinnen usw. In der Erzdiözese Freiburg war ich zuhause und hatte vielfältige Kontakte zur Basis; auch zur Kirchenleitung, zu Erzbischof und Ordinariat.

Im Rückblick auf die nahezu fünfundzwanzig Jahre vom April 1970 bis zum September 1994 gibt es deutliche Abschnitte, die Schwerpunkte unserer Arbeit markieren. Ich sage „unserer Arbeit“, weil ich nie allein war, sondern anfangs mit Assistenten und später mit Akademischen Räten, mit einer Sekretärin und einer Reihe von Studenten und Studentinnen die jeweiligen Lehrveranstaltungen und Forschungen durchgeführt habe. Ich beschreibe als Beispiele einmal vier Arbeitsbereiche, denen ich viel Energie und Zeit gewidmet habe: Anfertigen von Lehrplänen, Besserung des Verhältnisses zwischen mit Christen und Juden, Leben mit Jugendlichen in einer Pfarrgemeinde (Jugendpastoral), Kardinal Newmans Bedeutsamkeit für die Kirche von heute.

Wie macht man einen Lehrplan für den Religionsunterricht? Zu Beginn der 70er Jahre hatte ich mit einem Freund eine Fibel für den Religionsunterricht im ersten Schuljahr verfasst. Sie war sehr erfolgreich und wurde eineinhalb Jahrzehnte immer wieder aufgelegt. Dabei stellten wir uns die Frage: Welche Inhalte gehören eigentlich in ein solches Büchlein? Später stellte ich mir diese Frage allgemein: Welche Inhalte gehören in den Religionsunterricht der Grundschule, der Hauptschule, des Gymnasiums usw. und in den Religionsunterricht überhaupt? Einen Weg sahen wir darin, dass die Professoren der Theologie beschreiben, was das Wichtigste in ihrem Fachbereich ist. Das schleusten wir auf die Verstehensstufe von Schülern. So entstand eine Art Inhaltsverzeichnis für einen Lehrplan. Wir luden daraufhin ein Dutzend Verfasser von Lehrplänen zur Diskussion ein und veröffentlichten ihre Erfahrungen in einem Buch.

Wie lässt sich die Jahrhunderte währende Unrechtspraxis von Christen gegenüber Juden verändern? Gegen Ende der 70er Jahre stellten wir uns der Frage, welchen Beitrag der (katholische) Religionsunterricht leisten kann, um die Kenntnis des Judentums und das Verhältnis zu den Juden zu verbessern. Im Hintergrund unserer Frage war die schreckliche historische Tatsache der Schoah (des Holocaust) unter den Nazis. Aber auch der neue Ansatz, den die Katholische Kirche durch das Zweite Vatikanische Konzil geschaffen hatte und der sich im Religionsunterricht spiegeln musste, war ein Auslöser. Wir arbeiteten fünf Jahre daran. Einer der emotionalen Höhepunkte unseres Forschungsprojekts war die Beherbergung von zwei Dutzend amerikanischen Doktoranden der Temple University von Philadelphia, die zu gleichen Teilen jüdischen, katholischen und protestantischen Glaubens waren. Mit Enthusiasmus und ohne Tabus diskutierten unsere Studierenden mit den Amerikanern der selben Generation. Es war eine hoffnungsvolle Pfingstwoche, in der unsere Studierenden freiwillig auf ihre Ferien verzichteten und die amerikanischen Kommilitonen bei sich in ihren Studentenbuden unterbrachten. – Aber das größte Erlebnis jener Zeit war doch eine dreiwöchige Studienreise nach Israel, die wir für über zwanzig Studierende und Dozenten organisierten. Ein ganzes Semester über hatten wir uns auf wichtige Themen vorbereitet. Und dann kamen die Tage: Wir saßen in der Hebräischen Universität in Jerusalem, zogen gemeinsam durch die Straßen der Altstadt, fuhren zum Roten Meer und zum Sinai, bestiegen den Moseberg, meditierten am See Gennesaret, feierten an dessen Ufer gemeinsam die Eucharistie mit einem Glasbecher aus dem palestinensischen Hebron. Zum ersten Mal wurde mir persönlich deutlich: Wer über Jesus von Nazaret sprechen will, - ob in der Schule oder in der Kirche -, kann das nur in der angemessenen Weise tun, wenn er oder sie die Evangelien aus der Lebenslandschaft Jesu versteht. Das Land Israel ist gewissermaßen das fünfte Evangelium. Diese Erfahrung war ein wesentlicher Baustein für den Aufbau eines neuen Lehrplans. – Jahre danach dokumentierte eine Reihe von zehn Bänden über den „Lernprozess Christen Juden“ die Ergebnisse jener Arbeit, die in der Tat zur Veränderung der alten Lehrpläne beitrug. –

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In der Pfarrei, in der ich wohnte, hatte der Pfarrer ein altes Gebäude zu einer Disko zurecht gemacht, weil sonst weit und breit kein rechter Treff für Jugendliche existierte. Alsbald störten sich die Anwohner an den an- und abfahrenden Mofas und Motorrädern und überhaupt an dem Lärm des Kommens und Gehens die halbe Nacht. Anderseits hielt ich an der Universität Vorlesungen über die Bedeutsamkeit junger Menschen für die Kirche und über die Bedeutung der Kirche für junge Menschen. Wie konnten wir die Theorie an den Ort der Praxis bringen und die Konflikte aus der Praxis durch entsprechende Hilfestellungen lösen? Innerhalb weniger Monate entwarfen meine Mitarbeiter, die Fachleute aus der Jugendpastoral waren, und ich ein Netzwerk, in dem Vertreter der Gemeindeleitung (Pfarrer, Pastoralreferent/in), des Jugendhauses (ältere Jugendliche) und der betroffenen Gemeindemitglieder (Anwohner) sich regelmäßig über Pläne, Vorhaben und auch Konflikte austauschen konnten. Meine Theorie profitierte durch die Erprobung in der Praxis und die Pfarrgemeinde profitierte durch die rechtzeitige Entzerrung von drohenden Konfliktknoten. Für einige Monate wurde mein Wohnzimmer an einem Wochenabend zum Treffpunkt einer Gruppe Jugendlicher. Das war mir dann auf die Dauer zuviel Praxisnähe. Immerhin gibt des den „Jugendclub March“, der damals begonnen hatte, auf kommunaler Ebene bis heute. Und auch eine Reihe von Theorie- und Praxisbüchern spiegelt die damalige Arbeitsphase in der ersten Hälfte der 80er Jahre.

Ein Kollege aus der juristischen Fakultät begrüßte mich in der Tiefgarage: „Aha, Sie halten wieder einen Kongress über Biemer?“ „Sie meinen über Newman“. „Ja, natürlich. Entschuldigung! Aber die beiden Namen sind hier unzertrennlich.“ Ich ging lachend weiter und dachte darüber nach, dass eines Tages im Rückblick meine Arbeiten an Kardinal Newmans Person und Werk vielleicht in der Tat der wichtigste Beitrag meines Lebens darstellen würden. - Der Durchbruch waren die beiden Freiburger Newman-Kongresse 1978 und 1987, deren Vorträge jeweils in einem Band der Newman-Studien veröffentlicht wurden mit einem Grußwort des Erzbischofs Oskar Saier und dem Segensgruß des Papstes. Wie kam ich dazu, die Creme der international bekannten Newmanforscher nach Freiburg einzuladen? Auf dem Rückweg von der Papstaudienz bei Paul VI. in Rom 1975 sagte Nicholas Theis, der neben mir im Bus stand, vor allen Kollegen aus der Branche: „So Freund Biemer, jetzt ist die Reihe an Dir, zur nächsten Newman-Conference einzuladen.“ Ausgerechnet er, der 1956 die internationalen Newman-Conferences in Luxemburg begonnen hatte! Ich war damals am Anfang der jüngste Teilnehmer gewesen und kannte von da an die meisten, die Rang und Namen hatten; mit einigen von ihnen war ich eng befreundet, wie J. Derek Holmes, Vincent F. Blehl, John Coulson, Victor Conzemius, Hugo de Achàval, Pierre Dupuy u.a. Es war also für mich in der Folgezeit kein Problem, ein paar Tage durch England zu reisen und mit einigen von ihnen einen spannenden Newmankongress zu verabreden. Mein alter Lehrer Heinrich Fries aus München konnte sogar den großen Karl Rahner zur Teilnahme überreden. So wurde die Newman-Vortragswoche im September 1978 an der Freiburger Katholischen Akademie ein voller Erfolg, zumal auch eine Reihe von Kollegen aus der Theologischen Fakultät mit Interesse daran teilnahmen. Neun Jahre später, 1987, als ich wieder ein Forschungssemester hatte und wir uns Newmans Heiligkeit zum Thema wählten, waren es über hundert Personen aus fünfzehn Ländern, darunter erstmals Newmanforscher aus Japan, die teilnahmen. Damals zog ich mich nach dem Kongress in verschiedene Klöster zurück und versuchte zum ersten Mal ein Newmanbiographie zu schreiben, um eine Lücke auf dem deutschen Büchermarkt zu füllen. Sie erschien 1989. In umfangreicherer Fassung schrieb ich sie nochmals ein Jahrzehnt später, 2000.

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Wenige Jahre vor dem Ende meiner akademischen Lehrtätigkeit wandte ich mich noch einmal einem völlig neuen Themenkreis zu: der Theologie der Befreiung. Josef Sayer und Albert Biesinger, die einst in Tübingen zu meinem Hörerkreis gehört hatten, luden zwei Dutzend Lehrer/innen der Theologie ein, in Theorie und Praxis zu erlernen, wie Theologie der Befreiung in Perus praktiziert wurde. Auf welche Weise konnte den Ärmsten der Armen in Lateinamerika das Evangelium zu einer Hilfe werden, um aus der Not zu kommen? Was hatte einer ihrer Wortführer und Anwälte, Gustavo Gutierrez, in Lima über das Sprechen der Armen zu Gott geschrieben? Uns was konnten wir für einen echten Dialog mit den Menschen der sogenannten Dritten Welt von ihm lernen? – Es waren zwei Monate in Chiclayo, Cusco und Lima, die mein Verständnis von Gott und den Menschen, von Katechese und Kirche noch einmal deutlich erweiterten. Nach Hause zurückgekehrt, war eines der wichtigen Themen in den Seminaren jener Jahre der besondere Einfluss des Evangeliums Jesu Christi auf die Förderung der Menschenwürde. Als hierzulande 1992 das 500jährige Jubiläum der „Entdeckung“, sprich Eroberung Amerikas gefeiert wurde, hatte ich für meine Theorie und Praxis der Glaubensunterweisung gelernt, dass wir als Christen auf die meisten unserer Vorfahren, die mit Columbus und seinen Nachfolgern unterwegs waren, nicht stolz sein konnten. Wie einst für die Kreuzzüge, wie einst für die Inquisition, wie für die Verfolgung und Vernichtung der Juden, so haben wir uns auch für das Unrecht unserer christlichen Vorfahren angesichts ihrer Eroberung und Plünderung Mittel- und Südamerikas im 16. Jahrhundert als schuldig zu bekennen. Damals gab es einige wenige, die wie der Dominikaner Bartolomé de las Casas das geschehende Unrecht direkt erkannten und anprangerten. Heute zählt es zu den hervorragenden Lernprozessen des jetzigen Papstes, dass er dies so sieht und auch tatkräftig zum Ausdruck bringt.

Als ich im Sommer 1994 meine letzen Vorlesungen hielt, konnte ich noch einmal auf die Thematik meiner Tübinger Antrittsvorlesung von 1968 zurückgreifen: (Die Befähigung der glaubenden Menschen zum) Glaubenszeugnis ist das Ziel des Dienstes der (lehrenden) Kirche. Und doch hatte sich dieser Dienst des Lehrens und Lernens durch die Einsicht in so katastrophale Fehler nach den drei Jahrzehnten gründlich verändert.

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Reisen: Er-Fahrung der Welt und der Geschichte des Menschen

Als ich mit meinen beiden Neffen erstmals 1972 eine Sommer reise auf den Spuren von Tilmann Riemenschneider nach Greglingen, Rothenburg, Würzburg und Nürnberg antrat, wollte ich ihnen die Erfahrung vermitteln, dass man sich Geschichte dadurch aneignen kann, dass man sich selbst auf den Weg durch Raum und Zeit macht. Im spätmittelalterlichen Rothenburg etwas von der Atmosphäre der Riemenschneiderzeit spüren, die Kirche sehen, in die hinein er seinen Heilig Blut Altar geschnitzt hatte, das können Bücher oder Schulstunden nicht hergeben. – So waren Reisen für mich immer eine Möglichkeit an die Orte von Menschen und Ereignissen und an die Ursprünge von Geschichten und Geschichte zu gelangen. So reiste ich 1963 erstmals durch Griechenland, 1968 an der jugoslawischen Küstenstraße bis Pula und Split, 1971 durch die Toscana, 1974 durch Island, mehrfach durch Burgund, das ja vor unserer Haustür liegt und die Geschichte der Romanik und des mittelalterlichen Mönchtums (Cluny u.a.) auf dem Präsentierteller bietet; 1976 durch Spanien und Portugal, 1979 durch Israel, 1981 in die Bretagne, wo mir vor allem die Menhir-Reihen in der Südbretagne wichtig waren. 1983 war es eine Reise durch Polen, die mich zu dem besonderen Ort Auschwitz führte in der Näher des wunderschönen und geschichtsträchtigen Krakau. Später waren es Russland, China, Mexiko, wo ich alte Kulturen, Religionen, besondere Ausprägungen des Menschseins in Kunst, Philosophie und Religiosität suchte.

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Hirtenjahre als Pfarrer 1994 –2004

In all den Jahren als Lehrer an der Hochschule war ich immer auch in der Pfarrgemeinde, in der ich wohnte, an der pastoralen und vor allem an der liturgischen Gestaltung der Sonntags- und Festtagsgottesdienste beteiligt. Das ging soweit, dass ich über Jahrzehnte die Weihnachts- und Osterferien nicht nutzte, um für die Pfarrgemeinden zur Verfügung zu stehen. Umgekehrt konnte ich mir auch nicht vorstellen, die zentralen Feste der Christenheit irgendwo als Gast oder Tourist zu verbringen.-

Als ich emeritiert war, ergab ein besonderer Umstand, dass ich auf Wunsch der Kirchenbehörde als regulärer Pfarrer eine Gemeinde übernehmen konnte. Eschbach im Eschbachtal bei Stegen am Rande des Schwarzwalds war ein besonderer Ort; denn hier hatte der vorletzte Abt von St. Peter 1790 die Kirche und ein fürstliches Pfarrhaus gebaut. In gewisser Weise rundete sich so meine Tätigkeit im Dienste der Erzdiözese Freiburg ab. Zu meinem Siebzigsten gab ich die Pfarrei auf, und zu meinem Fünfundsiebzigsten ziehe ich mich auch aus der Gottesdienstpraxis, die ich in den letzten fünf Jahren in Wittnau im Hexental beigesteuert habe, zurück.

Was ist der Mensch?

Am Ende meines Lebenslaufs, der ja noch nicht ganz zu Ende ist, wäre eine Art zusammenfassender Überlegung fällig. Etwa in der Art: Was hat es dir gebracht, das Leben? Was ist deine Quintessenz? Wie beantwortest du nach einem dreiviertel Jahrhundert die Frage: Was ist der Mensch? – Bekanntlich haben sich schon die Psalmisten mit dieser Frage beschäftigt. „Was ist der Mensch, dass DU seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass DU dich seiner annimmst?“ Aber die Antwort lautet nur: „DU hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk Deiner Hände ...“ (Ps 8). Deutlicher ist Psalm 90: „Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig. Und das Beste daran ist Mühsal und Beschwer ...“ Der Mensch ist eine wunderbare Verheißung - , das zeigen die Augen der Kinder und die Schönheit der Jugendlichen. Eine Verheißung, die durch das Leben nicht erfüllt wird - , das zeigen die sterbenden und die toten Menschen, das zeigen die vielfältigen Ereignisse des Schreckens in der Menschheitsgeschichte. Eine Verheißung, die größer ist als das irdische Leben -, das zeigt die Sehnsucht der Kinder, der Jugendlichen, der Erwachsenen und der Alten, die sich ein kindliches Herz bewahrt haben. Zeugnisse solcher Sehnsucht bietet die Kunst: die Musik von Johann Sebastian Bach, die Gemälde und Plastiken von Michelangelo Buonarotti, die Dichtung von Friedrich Hölderlin ... 14

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