Brief an die neue, junge Generation meiner Familie, die gar nicht „meine“ Familie ist

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An

Sabine

Fabian

Christina

Philipp HIRSCH


Brief, in dem ich erkläre, weshalb es mir wichtig ist, euch zur Feier meines Geburtstags, zur Vollendung meines 75. Lebensjahres, einzuladen.

Brief, in dem ich euch ein wenig von mir und meinem langen Leben erzählen möchte.

Also: Meine beiden Lieblingsneffen Matthias und Markus, - zugleich meine einzigen Neffen -, sind eure Väter, und eure Oma Toni war meine Schwester. Soviel zum Ausgangspunkt unserer Verwandtschaft!

Und nun zu meinem Leben. Ich werde dieses Jahr nicht nur ein halbes Jahrhundert alt, sondern ein ¾ Jahrhundert. Damit euch meine Erzählung über einen so langen Zeitraum nicht langweilig wird, habe ich mir gedacht: Ich will drei Mal und auf drei verschiedene Arten erzählen. Zuerst ganz kurz, sozusagen an einem oder zwei Beispielen, so dass es auch Philipp schon ganz bequem lesen kann. Danach ein zweites Mal: Noch einmal von vorn und etwas ausführlicher mit einzelnen Lebensdaten und Ereignissen, so dass ihr den Lebensverlauf erkennt: die Zeit unter Hitler (1933 – 1945), die Jahre im Zweiten Weltkrieg, der Wiederaufbau in Westdeutschland, die Jahre des Konzils, die „68er“ Studentenrevolte an der Universität, der Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung 1989 und so weiter. Das soll aber nur so umfangreich werden, dass ihr auch die zweite Fassung noch vor dem Geburtstag lesen könnt. – Eine dritte Darstellung kann dann später folgen: eine ausführliche Schilderung meines Lebenslaufes mit 35 Jahren Lehrer der Theologie, mit mehreren Jahrzehnten an verschiedenen Universitäten, mit vielen Aufenthalten im Ausland, mit farbigen Erlebnissen als Pfarrer einer Pfarrei im Schwarzwald und so weiter.

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Hier beginne ich mit der ersten Erzählung:

Ein kurzer Lebenslauf von Günter Biemer in wenigen Szenen:

Wie wenn man in einem Briefumschlag einen weiteren Briefumschlag findet und darin wieder einen Umschlag und dann erst den Brief mit einer erfreulichen Nachricht, so ist mir manchmal mein Leben vorgekommen.

An einem hellen Morgen im Mai schlenderte ich die Landstraße entlang. Sonnenstrahlen spiegelten sich drunten im Meer. Das Dorf lag fast hinter mir; nur die Kfz-Werkstatt und einige verstreute Häuser lagen vor mir weiter draußen. Eigentlich war die Fahrt um die „smaragdgrüne Insel“, wie es in irischen Volksliedern heißt, bisher gut verlaufen. Aber an diesem Morgen zeigte mein Motorrad eine Panne. Ich musste es zur Reparatur bringen und verlor zwei Stunden. Ich war ungeduldig und sauer. – Eine fröhlich schwätzende Kinderschar kam mir entgegen, vielleicht auf dem Weg zum Kindergarten. Eines der Mädchen griff in die Tasche seiner Kleiderschürze, nestelte ein Bonbon heraus und streckte es mir entgegen: „Have a sweet, Father!“ Ich musste unfreiwillig und von Herzen lachen: „Thank you, you are sweet yourself.“ Ich machte allen ein Kreuzchen auf die Stirne. Beim Weitergehen hatte sich meine Stimmung völlig verwandelt. Schließlich hatte ich Urlaubstage vor mir und hinter mir lagen Wochen strenger und erfolgreicher Forschung für meine Doktorarbeit im Newman-Archiv in Birmingham. Ich hatte keinen Grund unzufrieden zu sein. Da waren die Freunde in Dublin, die mich gratis für einige Zeit aufgenommen hatten. Da gab es in ihrer Pfarrei einen jungen Kaplan, der mir sein Motorrad zu eine Umrundung der Insel ausgeliehen hatte. Trotz heftiger Regengüsse war mein Trip hinaus auf die Aran-Inseln gelungen. Was ich mir wenige Jahre zuvor sehr gewünscht hatte, - Irland einmal ausführlich kennen zu lernen-, war jetzt Wirklichkeit. Die Szene von Glengariff -, dort hatte sie sich abgespielt - , ist typisch für viele wichtige Ereignisse in meinem Leben. Als Kind verdarb mir der Zweite Weltkrieg eine geregelte Schulbildung, aber nachher kam ich in die neu gegründete Albertus Magnus-Schule mit wunderbaren Lehrern und Mitschülern. Nach dem glanzvollen Abitur verhinderte die miese Beurteilung meines Heimatpfarrers bei der Bischofsbehörde eine Studienmöglichkeit in Rom, aber dann konnte ich in England studieren und dabei das Leben und Werk Kardinal Newmans kennen lernen, was mein ganzes Leben prägte. Als junger Professor bekam ich Zweifel, ob das Leben an der Universität für mich der richtige Beruf war, aber dann hat die ständige Herausforderung durch die Studenten und Studentinnen mir gezeigt, was ich anderen Menschen geben kann. Während die jungen Leute bei mir lernten, wie man mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen über Gott spricht, lernte ich bei ihnen, dass es Freude macht, gemeinsam Gott als den Sinn des Lebens zu suchen und zu entdecken.

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Und jetzt zu einer zweiten Szene, die für den Lauf meines Lebens typisch ist, sozusagen ein weiterer Umschlag, der eine Botschaft meines Lebens enthält. Damals in Irland war ich 28 Jahre jung und mein Leben als Lehrer der Gottesgelehrtheit (=Theologie) lag vor mir. Bei der zweiten Begebenheit bin ich 67 Jahre alt und habe nach meinem Berufsleben an der Universität die Leitung einer Pfarrgemeinde übernommen.

Ein junger Pater in Indien, Zacharias Elavanal, dem wir mitunter durch unsere Spenden helfen konnten, Waisenhäuser zu erbauen und zu unterhalten, hatte mich dringend eingeladen, seine missionarische Arbeit vor Ort kennen zu lernen. So kam ich in das winzige Dorf mit dem unaussprechlichen Namen Umblebylu. Es liegt in Südindien, nicht weit von Shimoga, wo die Ordensgemeinschaft von Pater Zacharias Schulen und Werkstätten zur Ausbildung von Jugendlichen unterhält und auch ein größeres Wohnhaus hat. Darin versammeln sich immer wieder die Missionare, die weit verstreut in der Umgegend Gemeinden betreuen, zu Vorträgen, Gesprächen und gemeinsamem Gebet. Könnte ich seinen Mitbrüdern und Mitschwestern einen Abend lang vom großen Kardinal Newman erzählen, fragte mich Pater Zacharias. Nichts lieber als das. Da saßen am Abend etwa 60 Missionare und Missionarinnen, die zum Teil einen halben Tag über Schotterpisten her gefahren waren, und hörten ergriffen, mit welchem Ernst der Oxforder fromme Gelehrte John Henry Newman seinen Lebensweg mit Gott gegangen war: Wie er die Kirche von England in eine Reform verwickelte, wie er den Weg zur Katholischen Kirche fand, wie er eine Universität gründete, wie er viele seiner Predigten drucken ließ und zahlreiche Gebete, Briefe und Tagebücher verfasste und wie der Papst ihn schließlich zum Kardinal ernannte. Ich hatte ein aufmerksames Publikum, das reichen Beifall spendete. Am Ende erhob sich der Pater, der das Missionshaus leitet, kam auf mich zu und sagte: „Father, wir haben sehr wohl verstanden, dass Kardinal Newman unter den Theologen sozusagen ‚ein großes Tier’ war. Das größte Tier, das wir dir als Zeichen unseres Dankes schenken können, ist der Elefant.“ Sprach’s und überreichte mir die bildschön geschnitzte Plastik eines indischen Elefanten mit den charakteristischen kleinen Ohren.

Auf dem Nachhauseweg von Shimoga nach Umblebylu saß ich im Jeep neben Pater Zacharias und dachte erstaunt darüber nach, dass ich mich auf asiatischem Boden befand, weit und breit der einzige Weiße war, einen ganzen Abend zu Menschen eines ganz fremden Kulturkreises gesprochen und ihre Fragen beantwortet hatte. Das war nur möglich, weil sie wie ich ihr Leben in den Dienst Jesu von Nazareth gestellt hatten. Sie waren wie ich glühend daran interessiert, als Schwestern und Brüder Jesu zu leben. Wie andere Heilige und große Christen war Newman für sie einer, dem sie zutrauten, dass er ein Vorbild für sie sein könnte. War es nicht wunderbar, dass ich, der kleine Junge aus der Quadratstadt Mannheim mitten in der Nazi-Zeit englisch gelernt hatte und mitten im Studium in der zerbombten Stadt Freiburg dem inneren Drang gefolgt war: Hinaus in die weite Welt? Dass ich ausgerechnet das Werk eines der gescheitesten und frömmsten Denker kennen lernte und von da an in seiner Sprache vielen Menschen sein Ergriffensein von Gott und Gottes deutliches Wirken in seinem Leben darstellen konnte.

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Und John Henry Newman war nicht der einzige, den ich aus den Großen der Geschichte in meinem Studium kennen und hochschätzen lernte. Da sind mehr als ein Dutzend Namen, die mein Leben bereichert und meinen Weg zu Gott begleitet haben und mir halfen, anderen diesen Weg zu zeigen, wie Augustinus aus dem vierten Jahrhundert oder Thomas von Aquino aus dem dreizehnten oder Martin Luther und Teresa von Avila aus dem sechzehnten oder Pascal aus dem siebzehnten und so weiter.

Als ich 25 Jahre alt war, legte mir der Erzbischof von Freiburg, Eugen Seiterich, die Hände auf und weihte mich zum Priester. Von da an war ich gehalten keine eigene Familie zu gründen, sondern alle, die an Jesus glauben als meine Familie zu betrachten. Von da an war ich beauftragt, im Namen Jesu zu handeln und sollte als „Mann Gottes“ den Menschen weitergeben, was ich selbst erhalten hatte, eine Gute Botschaft: „Hab keine Angst – Gott ist bei dir“ (Jesaja 43); „Gott rettet dich“ (auf hebräisch „Je-schua“). Das ist der innerste Brief in den verschiedenen Briefumschlägen, von denen ich eingangs sprach. Mit dieser Botschaft bin ich in der halben Welt herumgekommen: nach Pittsburgh und San Francisco, nach Philadelphia und New Orleans, nach Mexico City und Lima, nach Athen und Jerusalem, nach Palmyra und Peking. Im Spaß könnte ich nach einem Schlager singen: „Einmal um die ganze Welt ... Fremde Städt’ und Länder seh’n, auf dem Mond spazieren geh’n. Davon hab’ ich schon als kleiner Bub’ geträumt“.

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