Unsere Glaubensgeschichte als Liebesgeschichte

- Eine Erwachsenenkatechese zu Hosea -

I. Der Prophet Hosea und sein Ruf zur Umkehr. Eine Einführung

II. JHWH führt Israel durch Bestrafung und Verlockung zur Umkehr. Hos 2, 13 - 17 

III. JHWH kündet die Stiftung eines Neuen Bundes an. Hos 2, 18 – 25

IV. Wie wir als Christen Hos 2 lesen und verstehen können.

Glaubensgeschichte als Liebesgeschichte . Fragen, wie die Botschaft von Hosea (Kap. 2) für unser eigenes Glaubensleben lebendig und bedeutsam wird:


I. Der Prophet Hosea und sein Aufruf zur Umkehr.

Eine Einführung Deutlicher als bei anderen Propheten ist die Botschaft des Hosea mit seiner eigenen Person und seinem Lebensverlauf verbunden. Deshalb scheint es angezeigt, zunächst mit einigen der grundlegenden Charakteristika altbundlicher Propheten vertraut zu machen, bevor wir uns seiner Person und seiner Botschaft in Hos 2 zuwenden.

 1. Propheten sind durch eine wache Wahrnehmungsfähigkeit ausgezeichnet für das, was an der Zeit ist, für die Vorgänge im gesellschaftlichen Leben. Das gilt für die Ereignisse in der Öffentlichkeit, in der Politik, sowohl wie im privaten Bereich des Lebens der Einzelnen und der Familien. Propheten haben eine besondere und unabhängige Beobachtungs- und Beurteilungsfähigkeit. Sie sind fähig, mit Scharfblick zu erkennen, wohin bestimmte Prozesse sich entwickeln, wenn man sie im Licht der Interessen Gottes sieht. 

2. Propheten haben also einen festen Standpunkt und Bezugspunkt, auf den sie alle Vorgänge beziehen, von dem aus sie alles beurteilen: den Willen Gottes. Auch wenn es zu ihrer Zeit aus der Mode ist, wenn es lächerlich erscheint oder Nachteile, ja Lebensgefahr mit sich bringt, achten sie treu und zuverlässig auf den tieferen Zusammenhang, den die alltäglichen Ereignisse mit dem Willen Gottes haben. Ein Prophet deckt mit kritischem Scharfblick die Tiefendimension in herrschenden Trends seiner Zeit auf. Das macht seine Rede so unbequem und zugleich so interessant und zeitfremd, weil über die Zeit hinausweisend. Was er zu sagen hat, ist immer originell, auch wenn es nicht nach dem Zeitgeschmack ist.

3. Propheten sind Rufer Gottes in Zeiten der religiösen Gleichgültigkeit, der Indifferenz und der Abwendung von Gott. Sie warnen, mahnen und rufen zur Umkehr. Sie sind das personifizierte Gewissen einer Generation. Sie fordern vom einzelnen Zeitgenossen, besonders von den öffentlich und politisch Maßgebenden und von der ganzen Gesellschaft Hinkehr zu Gott, Einhaltung seiner Weisung, Beachtung der sozialen Gerechtigkeit, Änderung der Gesinnung und tatkräftiges Handeln statt bloßer Worte. Man versteht sie richtig, wenn man sie als Hefe im Teig der religiösen Geistesgeschichte betrachtet oder als Sauerteig, der dafür sorgt, dass die Menschheitsgeschichte nicht in Gottlosigkeit endet.

4. Propheten gehören keinem Berufsstand an. Sie üben keinen erlernbaren Beruf aus. Sie sind keine Priester, Lehrer, Ordnungshüter, staatliche oder königliche Beamte. Aber sie haben eindeutig eine Berufung. Sie sind direkt von Gott berufene und befähigte Seher, Mahner, Rufer. Das macht sie verletzlich und ihre Aufgabe schwierig und unbequem, aber auch unersetzlich und mitunter lebensgefährlich. 

Ein hervorragendes Beispiel für diese Tätigkeit gab der Prophet Natan zur Zeit des Königs David. Als David mit der schönen Batseba die Ehe gebrochen hatte und David ihren Mann, den Oberst Urija, nicht dazu bringen konnte, mit ihr zu schlafen und so die entstandene Schwangerschaft zu decken, befahl der König, den Offizier im Kampf töten zu lassen. Danach nahm er die Witwe in seinen Harem auf. Damit wäre das Verbrechen nach menschlichem Ermessen erledigt gewesen und in Vergessenheit geraten. – Aber Gott sendet den Propheten Natan mit einer delikaten Mission. Würde der einfache asketische Gottesmann den mächtigen und nicht gerade zimperlichen orientalischen König zu Einsicht und Buße bewegen können? Natan erzählt David eine so rührende Geschichte vom brutalen Raub eines Lammes, dass der König ihn spontan unterbricht und über den Räuber sagt: „Der Mann ist des Todes!“ Darauf Natan: „Du bist dieser Mann!“ Er entschlüsselt dem betroffenen König seine Parabel (Vergleichs-Geschichte). David ist erschüttert, steigt von seinem Thron und tut Buße vor Gott. Sein Bußgebet ist uns erhalten: „Gott sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen. ... Denn ich erkenne meine bösen Taten ... Gegen Dich allein habe ich gesündigt. ...“ (Ps 51).  Natan war ein Prophet nach dem Herzen Gottes.  

Gehen wir mit unseren so erworbenen Kenntnissen zu Hosea, dem Propheten, dessen Name etwa „Jahwe hilft“ bedeutet:

Zu 1. Zur Wahrnehmungsfahigkeit Hoseas.  Hosea lebte etwa drei Jahrhunderte nach David in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts im Nordreich. Das Volk Israel war geteilt. Der wachen Wahrnehmungsfähigkeit des Propheten entging es nicht, dass die Könige auf  militärische Bedrohungen aus Assur im Norden durch Bündnisse mit  Ägypten im Süden reagierten und umgekehrt auf Bedrohungen aus Ägypten im Süden durch Bündnisse mit Assur im Norden. Statt auf die Macht Jahwes zu vertrauen, setzten sie auf ihre eigene Schläue. „Efraim ist wie eine Taube, leicht zu betören ... Sie rufen Ägypten zu Hilfe und laufen nach Assur“ (7, 11). - Das wurde ihnen zum Verhängnis, zumal im Königshaus selbst Uneinigkeit herrschte und in den wenigen Jahrzehnten des öffentlichen Wirkens von Hosea vier Könige in Israel ermordet wurden. Höhepunkt der politischen Unruhen war die Eroberung der Hauptstadt Samaria durch die Assyrer 722 und die Wegführung der führenden Köpfe ins Exil.  

Zu 2. Der Standpunkt Hoseas.

Anders als Natan bei David hatte es Hosea nicht mit eindeutig Jahwe-gläubigen Königen zu tun. Der Glaube Israels war durch fremde Götter und Kulte gestört. In 2 Kg heißt es fast stereotyp: „Der König ... regierte ... Jahre und tat, was dem Herrn missfiel. Er schaffte die Kulthöhen nicht ab.“ Da Hosea seinen Standpunkt und Bezugspunkt in Jahwe hatte, formulierte er seine Kritik entsprechend: „Es gibt keine Treue und keine Liebe und keine Gotteserkenntnis im Land. Nein, Fluch und Betrug, Mord, Diebstahl und Ehebruch machen sich breit. Bluttat reiht sich an Bluttat. Darum soll das Land verdorren“ und Mensch und Tier darin umkommen (Hos 4, 1 – 3).

Besondere Kritik übt Hosea an den Priestern, die eigentlich für die Erschließung von Gotteserkenntnis und die Reinerhaltung des Kultes zuständig wären. „Nicht irgendeiner wird verklagt, nicht irgendwer gerügt, sondern dich, Priester, klage ich an. ... Mein Volk kommt um, weil ihm die Erkenntnis fehlt. Weil du die Erkenntnis verworfen hast, darum verwerfe auch ich dich als meinen Priester.“ (Hos 4, 4 – 6). Zu

3. Hoseas Ruf  zur Umkehr.

Hosea nennt die Gründe, weshalb Israel auf dem eingeschlagenen Weg der Götzenkulte nicht weitergehen darf. „Ich kenne Efraim gut, Israel kann sich vor mir nicht verstecken. ... Sie haben dem Herrn die Treue gebrochen ... Nun frisst ein glühender Wind ihren Besitz.“ (Hos 5, 3 u. 7). – Und hier folgt die Androhung der Strafe durch militärischen Eingriff. „Stoßt ins Horn! Denn wie ein Geier kommt das Unheil über das Haus des Herrn, weil sie meinen Bund nicht halten und mein Gesetz missachten.“ (Hos 8, 1).

Zu 4. Die persönliche Berufung des Propheten Hosea

Die Besonderheit und Einmaligkeit des Propheten Hosea als berufener Rufer Jahwes (A. Deißler) zeigt sich in der Art und Weise, wie er seinem Volk die Schuld der Untreue Gott gegenüber darzustellen und auszurichten hat. „Geh, nimm dir eine Kultdirne zur Frau, und zeuge Dirnenkinder. Denn das Land hat den Herrn verlassen und ist zur Dirne geworden. Da ging Hosea und nahm Gomer, die Tochter Diblajims zur Frau; sie wurde schwanger und gebar ihm einen Sohn.“ (Hos 1, 1b – 3).

Die Kinder des Propheten, zwei Söhne und eine Tochter, erhielten auf Jahwes Geheiß heilsgeschichtliche Namen: Jesreel, um die Leute an das Blutbad zu erinnern, das König Jehu an der Familie seines Vorgängers in der Jesreel-Ebene angerichtet hatte. Die Tochter bekam den Namen Lo-Ruchama (Kein Erbarmen); „denn von jetzt an habe ich kein Erbarmen mehr mit dem Haus Israel.“ Und der jüngere Sohn hieß Lo-Ammi (Nicht-mein-Volk); „denn ihr seid nicht (mehr) mein Volk und ich bin nicht (mehr) der Ich-bin-da für euch.“ (Hos 1, 8f). Damit ist Hosea der Prophet, der den Gottesnamen zu widerrufen hatte. Einst war dieser Name dem Mose am brennenden Dornbusch geoffenbart und anvertraut worden: „Ich bin der Ich-bin-da (für euch). ... Das ist meine Name für immer...“ (Ex 3, 14f). Jetzt sollte die Gottesnähe zurückgenommen werden. Eine gewaltige Aufgabe, bei der Hosea offenkundig mit heftigem Widerstand rechnen musste.-  

Hosea war nicht nur der zeitlich erste Prophet, von dem wir schriftliche Aufzeichnungen haben. Vermutlich geht auch der erste Vergleich der Liebesbeziehung von Mann und Frau mit der Glaubensbeziehung von Gott und Israel auf ihn zurück. Das kann man jedenfalls aus dem Negativ-Bild der Ehe mit einer Kultdirne und aus dem Vergleich von Götzendienst mit Ehebruch erkennen.

Als Positiv-Bild taucht der Vergleich dann beim Zweiten Jesaja in der Zeit des Babylonischen Exils auf: „Dein Schöpfer ist dein Gemahl, ’Herr der Heerscharen’ ist sein Name. Der Heilige Israels ist dein Erlöser. ... Ja der Herr hat dich als verlassene, bekümmerte Frau gerufen.“ (Jes 54, 5f). Auch die Texte des Hohenliedes, eine Sammlung von Hochzeitsliedern, verdanken ihre Aufnahme in die Heiligen Schriften der prophetischen Mystik, die eheliche Liebe mit Gottesliebe in analoge Beziehung setzt. – Das ist noch nicht alles, was zu dieser prophetischen Aussage anzumerken ist. Aber es ist vorerst genug, um an das 2. Kap von Hosea mit dem richtigen Vorverständnis heran zu gehen.

 II. JHWH führt Israel durch Bestrafung und Verlockung zur Umkehr. Hos 2, 13 - 17   

Es ist die Person Jahwes, die spricht: (13) „Ich mache all ihren Freuden ein Ende, ihren Feiern und Neumondfesten ... und den anderen festlichen Tagen. (14) Ich verwüste ihre Reben und Feigenbäume, von denen sie sagte: das ist mein Lohn, den mir meine Liebhaber gaben. Ich mache ihre Weingärten zur Wildnis ...“

 „Sie“ ist das Auserwählte Volk, ist Israel, die Bundespartnerin vom Sinai her, wo Mose für das Volk vor Gott gestanden hat. Das ist etwa sechs Jahrhunderte her. Aber da Gott damals den Bund für alle ihre Nachkommen geschlossen hatte, sind auch die Generationen um Hosea „Volk des Bundes“. Der lebendige und allmächtige Gott ist ihr Bundespartner, den sie nun gegen Vegetationsgottheiten eingetauscht haben. Gegen Götter, von denen sie glaubten, sie würden das Wetter und die Fruchtbarkeit und das militärische Geschick lenken. Der Prophet erinnert dagegen an den wahren und einzig wirklichen Gott, von dem er selbst berufen und beansprucht wurde. –

Wir können an dieser Stelle bereits den Bogen von diesen Texten zu uns selbst schlagen und uns verständlich machen, auf welche Weise diese Aussagen und dieser Anspruch Gottes auch an uns gerichtet sind. Durch Jesus, der als Jude zum Bundesvolk Israel gehört und dem als Auferstandenem „alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden“, erging die Weisung an seine Apostel: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern, tauft sie ... und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe ...“ (Mt 28, 19 f). Dazu gehört natürlich auch die Kenntnis der Heiligen Schrift, aus der Jesus selbst in Synagogen vorgelesen hat. Uns als dem Gottesvolk des Neuen Bundes redet also Hosea ins Gewissen, damit wir nach den Götzen unserer Tage fragen und uns von ihnen lossagen.

Übrigens ist Hosea nicht der einzige Prophet, der Israel für seinen Bundesbruch Bestrafung durch Jahwe androht. Hosea kündigt Zerstörung und Entzug des Kulturlandes von Weinbergen, Olivenhainen und Kornfeldern an, eben jener Erzeugnisse irdischer Fruchtbarkeit, für die das Volk fremden Göttern wie dem Baal Erntedankfeste feiert. Zerstörung solcher kultivierter Anlagen, die bei militärischen Eroberungszügen der Verwüstung zum Opfer fallen. Der fast zeitgleich auftretende Prophet Amos geiselt die unsoziale und üppige Lebensweise der Reichen in Israel, ihre Herzlosigkeit gegenüber den Armen im Auserwählten Volk: „Weh den Vornehmen unter dem Ersten der Völker ...! Ihr liegt auf Betten aus Elfenbein und faulenzt auf euren Polstern. ... Ihr grölt zum Klang der Harfe, ihr wollt Lieder erfinden wie David. Ihr trinkt den Wein aus großen Humpen, ihr salbt euch mit dem feinsten Öl und sorgt euch nicht um den Untergang Josefs. – Darum müssen sie jetzt in die Verbannung, allen Verbannten voran. Das Fest der Faulenzer ist jetzt vorüber.“ (Am 6, 1 – 7).   

(15) „Ich bestrafe sie für all die Feste, an denen sie den Baalen Rauchopfer dargebracht hat. Sie hat  ... ihren Schmuck angelegt und ist ihren Liebhabern gefolgt, mich aber hat sie vergessen – Spruch des Herrn.“ – Noch heute verkauft man an den Touristen-Zentren von Ugarit in Syrien und in Baalbeck im Libanon am Mittelmeer und anderswo Baalsstatuetten und Baalsbilder. Baal war der bedeutendste und mächtigste unter den Göttern Kanaans. Das Besondere am Einfluss des Baalskultes könnte man für Israel darin sehen, dass eine sinnliche und magische, eine lokale und gewalttätige Gottesvorstellung an die Stelle der universalen und reinen und vergeistigten Gotteserfahrung tritt. Es drohte ein Rückschritt in der Gottesbeziehung der Menschheit gerade dort, wo der vergeistigte Ein-Gott-Glaube durch die Selbst-Offenbarung Gottes in der Wüstengeneration Israels vorangekommen war. Deshalb der herbe Kontrast: „Mich aber haben sie vergessen“. Und deshalb auch das Ringen der Propheten, dass Israel die einzigartige Besonderheit des Gottes „Ich bin der Ich-bin-da“ erkennen möge: „Wie könnte ich dich preisgeben Ephraim, wie dich aufgeben, Israel? ... Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte.“ (Hos 11, 8 f).

[Ein plastisches Beispiel für das Ringen eines Propheten gab hundert Jahre vor Hosea der große Prophet Elia. Von Isebel, der Gemahlin des Königs Ahab wurde er unter Mordandrohung verfolgt, weil er ihre Priester des Baal bekämpfte und der Lächerlichkeit preisgab. Auf dem Berg Karmel forderte er das Volk heraus: „Wie lange noch schwankt ihr nach zwei Seiten? Wenn Jahwe der wahre Gott ist, dann folgt ihm! Wenn aber Baal es ist, dann folgt diesem!“ (1 Kg 18, 21). Gegen vierhundertfünfzig Baalspriester, die einen ganzen Tag lang vergeblich ihren Gott um Entflammen des Stieropfers anriefen, trug der Glaube Elias den Sieg davon, als der Himmel seinen Opferstier in Flammen verzehrte. Trotzdem musste Elia in die Wüste fliehen; die Begeisterung des Volkes währte nur kurze Zeit.]

Gottes Initiative:(16)

„Darum will ich selbst sie verlocken. Ich will sie in die Wüste hinausführen und sie umwerben (=ihr zu Herzen reden) ... (17 b) Sie wird mir dorthin bereitwillig folgen wie in den Tagen ihrer Jugend, wie damals als sie aus Ägypten heraufzog.“ Der um die Liebe seines Volkes werbende Gott hat die Bestrafung durch Entzug der Kulturgüter als eine Art Entziehungskur vorgesehen. Die auf die Kriegsnot und Entbehrung folgende Konzentration auf das Wesentliche erinnert an den Wüstenzug, an die vierzig Jahre als die Gottesbeziehung Israels entstand. Auch Jeremia wird nach Hosea daran erinnern: „Ich denke an deine Jugendtreue, an die Liebe deiner Brautzeit, wie du mir in der Wüste gefolgt bist, im Land ohne Aussaat.“ (Jer 2, 2).

Und wenn diese elementare Beziehung zu Gott wieder hergestellt ist, dann wird Jahwe seinem Bundesvolk auch die Reichtümer der Erde wieder in Besitz geben. (17a) „Dann gebe ich ihr dort ihre Weinberge wieder und das Achor-Tal mache ich für sie zum Tor der Hoffnung“. Das Achor-Tal erinnert an die Zeit der Landnahme, als Josua nach der Einnahme Jerichos auf dem weiteren Eroberungszug ins Land Kanaan plötzlich eine unerklärliche Niederlage einstecken musste. Ein Mann namens Achan hatte, entgegen der strengen Weisung, dass alle Beute allein Gott gehören soll, für sich privat Beutegut versteckt (Jos 7).Das Brechen der Bundesweisung nahm Israel die von Gott kommende Siegeskraft. Er wurde im Achortal gesteinigt; es war das Unglückstal auf dem Weg ins Verheißene Land. Im Gegensatz dazu konnte Hosea sagen, dass die jetzt in Aussicht gestellte Umkehr Israels ein Einzug durch das Tor der Hoffnung werde.    Tatsächlich gab es erst etwa ein Jahrhundert nach Hosea, unter König Joschija, eine echte religiöse Reform, bei der die Götzenstatuen aus dem Tempel entfernt wurden (2 Kg 22).    

[Vielleicht ist für uns als Angehörige des Neuen Bundes in diesem Zusammenhang von Bedeutung, dass auch die Wurzeln unseres Glaubens in der Wüste, „dem Land ohne Aussaat“ zu finden sind. Dort begann die Verkündigung Johannes des Täufers, dort bereitete sich Jesus auf sein öffentliches Wirken vor, dorthin wird eines der Brotwunder platziert ...]  

III. JHWH kündet die Stiftung eines Neuen Bundes an. Hos 2, 18 – 25

(18) „An jenem Tag – Spruch des Herrn – wirst du zu mir sagen: Mein Mann, und nicht mehr: Mein Baal! (19) Ich lasse die Namen der Baale aus ihrem Mund verschwinden ...“Welcher Tag ist gemeint? Es ist jedenfalls der Tag Jahwes. Der Tag, an dem all das Erfüllung findet, was angekündigt ist. Der Tag, an dem die Bestrafung Israels gegriffen hat, die Umkehr stattgefunden hat und die neue Gottesbeziehung bzw. die erste Liebe Wirklichkeit wird bzw. geworden sein wird. Ist es Zukunft oder Vorzukunft, Futur II? Statt der magischen Götzenbeziehung, bei der der Mensch glaubt, auf Gott Zwang durch einen Zauber ausüben zu können oder sagen zu können, was Gott zulassen kann und was nicht, herrscht eine Offenheit vor, die an Adam im aller ersten Zustand erinnert. Gott ist das große Du des Menschen, Jahwe ist für Israel, für seine Braut, „mein Mann“.

Im folgenden wird der Inhalt „jenes Tages“ beschrieben, der der Tag Jahwes ist. Es geht a. um einen Bund, b. um die Trauung mit Gott, c. um die Gewähr von Himmel und Erde und d. um die neue Aussaat.

a. ein neuer BundDer erneuerten Gottesbeziehung folgt die Erneuerung der Beziehungen zu allem Geschöpflichen. (20) „Ich schließe für Israel an jenem Tag einen Bund mit den Tieren des Feldes und den Vögeln des Himmels und mit allem, was auf dem Erdboden kriecht. Ich zerbreche Bogen und Schwert, es gibt keinen Krieg mehr im Land, ich lasse sie Ruhe und Sicherheit finden.“Das Mysterium des Bösen lüftet seinen Schleier. Was wir Erbschuld und Sünde nennen, was letztlich die Unordnung, Zerstörung, Friedlosigkeit verursacht hat, wird ausgeschlossen und seine Folgen werden in der erneuerten Gottesbeziehung geheilt Die Beziehung zu Gott wird neu geordnet, neu eingebunden in den Bund von Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung.

b. TrauungGott richtet das Wort an Israel: (21) „Ich traue dich mir an auf ewig; ich traue dich mir an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen. Ich traue dich mir an um den Brautpreis meiner Treue: Dann wirst du JHWH erkennen.“Nach der Form orientalischer Eheschließung erwirbt der Bräutigam seine Braut durch Entrichtung des Brautpreises. Die kostbaren Gaben, die Gott dabei einbringt, sind dreierlei: Ein gesicherter Rechts-Vertrag, der der Braut in Gestalt des Auserwählten Volkes bzw. der Menschheit gerecht wird. Die Gabe der Liebe (=Huld) ist verbunden mit mütterlichem Herzerbarmen: „Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit Ketten der Liebe. Ich war für sie wie (Eltern), die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen ...“ (Hos 11, 4). Schließlich die Gabe der Wahrhaftigkeit, die auf Dauer gestellt Treue heißt. Dann erst wird Israel, dann erst werden die Menschen imstande sein, Gott als den Ich-bin-da (für euch) zu erkennen. Jahwe-Erkenntnis ist also die Summe der Gaben, die Gott am Ende der Tage, an Jenem Tag, aus seiner Huld gibt. Erkennen ist also nicht nur ein Akt des Geistes oder gar der Intelligenz. Vielmehr kann „Erkennen“ in der Bibel jene umfassende Weise der gegenseitigen Eröffnung und Hingabe meinen, wie sie erstmals zwischen Adam und Eva genannt wird: „Adam erkannte Eva, seine Frau, sie wurde schwanger und gebar Kain.“ (Gen 4, 1). Wie immer Menschen Gott schon in ihren Tagen erkannt haben mögen, alles Bisherige ist unvergleichlich gering mit der Summe jener Jahwe-Erkenntnis, die am Jüngsten Tag anbricht.

c. GewährEine Folge von Erhörungen wird von Gott gewährt. (23 f) „An jenem Tag – Spruch des Herrn – will ich erhören: Ich will den Himmel erhören und der Himmel wird die Erde erhören; und die Erde erhört das Korn, den Wein und das Öl und diese erhören Jesreel.“ Erhören kann man nur jemand, der eine Bitte vorträgt. So sind also in diesem bildhaften Text Himmel und Erde, Weizenfelder, Weinberge und Olivenhaine Bittsteller vor Gott, dem Herrn des Himmels und der Erde. Ihre Funktionen werden als Tätigkeiten dargestellt, die sie nicht ohne göttliche Gewähr ausführen können. An jenem Tag, da Gott Himmel und Erde versöhnt, wird diese Erlaubnis von Gott seiner Schöpfung gegeben, angefangen mit dem Himmel, der z.B. durch günstige Witterung, der Erde gewährt, was sie benötigt. Damit wird gewissermaßen eine Kettenreaktion ausgelöst. Es gibt irdische Früchte in Hülle und Fülle. Ja, die so entstehende Fülle von Lebens-Mitteln im ursprünglichen Wortsinn greift sogar aus der wirtschaftlichen auf die moralische Ebene über. Auch Unheil und Schuld, wie sie für Israel von der Jesreel-Ebene her in Erinnerung sind, werden zunächst wohl Schuldeingeständnis, dann Vergebungsbitte und schließlich Erhörung finden.

d. Die neue Aussaat(25a) „Ich säe sie aus in meinem Land.“ An jenem Tag beginnt eine neue Landverteilung. Die aus dem Exil Heimkehrenden erhalten erneut das Lebens- und Besitzrecht. Die alten Schuldscheine sind zerrissen. Die Anklage-Namen der Kinder Hoseas werden verändert. Lo-Ruchama, d.h. Ohne-Erbarmen wird umbenannt „Ich habe Erbarmen“ und Lo-Ammi d.h. Nicht-mein-Volk heißt jetzt Ammi: „Du bist mein Volk!“. JHWH beginnt an „Jenem Tag“ die Geschichte eines neuen Bundes mit seinem Volk. Und das Auserwählte Volk wird ihm antworten: „Du bist mein Gott.“ –

Entscheidend zum Verständnis des ganzen Abschnitts ist also gewissermaßen die Kurzformel am Ende. Was mit einer Strafandrohung begann, nämlich die Brandmarkung des Glaubensabfalls von Israel, was zu einer Durchführung der Strafe führte, nämlich zur Zerstörung der Lebensgrundlagen durch siegreiche, fremde Besatzungsmächte, hatte die Rückbesinnung des Volkes und die Umkehr zu seinem Lebenssinn zur Folge, nämlich die Partnerschaft mit Gott. Die Initiative Gottes, so schmerzlich und verlustreich sie war, sie erreicht das Ziel. Das Geschöpf Mensch erfährt den Sinn seines Lebens im Geliebtwerden von Gott und in der Erwiderung dieser Liebe mit Leib und Seele.

Eine Bestätigung unserer Erkenntnisse des 2. Hosea-Kapitels findet sich in Ezechiel 16. Dort wird dasselbe Bild der Gottesbeziehung beschrieben wie bei Hosea, wenn auch in lebendigeren Farben. „Mit Gold und Silber konntest du dich schmücken, in Byssus, Seide und bunte Gewebe dich kleiden. ... Der Ruf deiner Schönheit drang zu allen Völkern; denn mein Schmuck  ... hatte deine Schönheit vollkommen gemacht. ... Doch dann hast du dich auf deine Schönheit verlassen ... und dich zur Dirne gemacht.  ... Du hast den Eid missachtet und den Bund gebrochen. Aber ich will meines Bundes gedenken, den ich mit dir in deiner Jugend geschlossen habe, und einen ewigen Bund mit dir eingehen ...“ (Ez 16).

IV. Wie wir als Christen Hos 2 lesen und verstehen können.

Christen sind die Jünger Jesu. So und nur so haben sie den legitimen Zugang zu den Heiligen Schriften Israels. Nur mit diesem Zugang können sie Jesus überhaupt als den verstehen, der er war und ist als irdischer Jesus und als auferstandener Herr. Das Hochzeitsmotiv spielte im Evangelium Jesu offenkundig eine wichtige Rolle zur Erklärung seiner Person, seines Handelns und seiner Botschaft. Beim Streit um religiöses Brauchtum wird z.B. festgestellt, dass die Jünger Jesu sich nicht an die Fastenpraxis halten. „Jesus antwortete ... : Können denn die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist?“ (Mk 2, 19 Parr). Jesus geht davon aus, dass in der messianischen Heilszeit Fröhlichkeit herrscht. Durch seine Gegenwart ist Gottes Reich gegenwärtig. In ihm ist Gott selbst unter den Menschen anwesend; deshalb wirken durch ihn auch wunderbare göttliche Kräfte, die sich in Heilungen, Sündenvergebung, Einwirken auf Naturkräfte wie Seesturm und Brotvermehrung bekunden. Übrigens beginnt die Bekundung seiner Heilskraft im Johannesevangelium bei einer Hochzeit in Kana, wo sein erstes Wunderzeichen stattgefunden hat. Die Vollendung dieser liebenden Zuwendung Gottes wird von Jesus auch als ein königliches Hochzeitsmahl in der Endzeit beschrieben, zu dem die Menschheit eingeladen ist (Mt 22, 1 ff; 25, 1 ff).

Die Liturgie der Kirche hat die menschgewordene Zuneigung Gottes insbesondere mit dem Fest der Epiphanie und neuerdings mit dem Fest der Taufe Jesu verbunden. Kenzeichnend dafür ist der Hymnus des Stundengebetes der Matutin.„Jordan sing!Schwing deine Wasser über die Wüste hin.Trunken bist du vom Glanz darin:Jesus der ChristusSteht als Lamm in den Fluten.

Menschheit auf!Lauf ihm entgegen, deine Geburt ist nah! (=Wiedergeburt in der Taufe)Sieh, der Geliebte, die Hochzeit ist da:Trink seinen Wein,den neuen, glühenden, guten.

Herrliches All!Fall vor ihm nieder, bring dich als Gabe dar. Christus verwandelt dich wunderbar.Ewiges LebenWird dich im Tode durchbluten.“

Auch in der christlichen Mystik gibt es zahlreiche Spuren für die hochzeitliche Zuwendung Gottes zur Menschheit. Besonders bedeutsam sind die Gedichte des Spaniers Johannes vom Kreuz aus dem 16. Jahrhundert, der, verurteilt von den eigenen Ordensgenossen, sich in das Leiden Christi besonders gut hineinfühlen konnte:

„Ein junger Hirte einsam wacht bekümmertabseits von Freude und Vergnügenund auf seine Hirtin ist sein Sinn gerichtetund sein Herz ist von Liebe tief versehrt.

Er weint nicht, weil die Liebe ihn verwundet hat,es schmerzt ihn nicht, sich so gequält zu sehen,obgleich er im Herzen getroffen ist,er weint vielmehr, weil er denkt, er sei vergessen.....Und am Ende einer langen Zeit, stieg er hinauf An einem Baum, wo er seine schönen Arme breitete, und gestorben ist, an ihnen hangend,das Herz von Liebe tief versehrt.“(Johannes v. Kreuz, Die Dunkle Nacht und die Gedichte, Johannes Verlag, Freiburg, 5. Aufl 2003, 202 f). 

Glaubensgeschichte als Liebesgeschichte. Fragen, wie die Botschaft von Hosea (Kap. 2) für unser eigenes Glaubensleben lebendig und bedeutsam wird:

  1. Mensch sein oder werden heißt ein Isra-El sein oder werden: ein Geschöpf, das mit Gott ringt, mit Ihm im Dialog ist, von Ihm gesegnet wird, wie Jakob an der Jabbok-Furt (Gen 32).   °  Lässt sich die Hosea-Prophetie vom Treuebruch auf unsere persönliche Glaubensgeschichte als einzelne Gläubige übertragen?  
  2. Welchen Götzen (Baalen) laufen wir heutzutage hinterher? Welche sind so einflussreich, dass wir ihretwegen unseren eigenen Lebensstil als Christusjünger vernachlässigen oder verlieren? ° Welche christlichen Lebenswerte oder Lebensformen haben wir bereits aufgegeben?
  3. Zweifellos ergreift Gott, der Herr der Geschichte, Initiativen, damit die  Kirche nicht untergeht. ° Mutet er auch uns Wüsten-Situationen zu, um uns zur Umkehr zu motivieren? Gab es solche in der Kirchengeschichte? Sind sie heute zu erkennen?
  4. Ausgerechnet das Achor-Tal, das an eigenes schlimmes Versagen erinnerte, machte Jahwe zum Tor der Hoffnung. ° Was könnte das für unsere Kirchen-Geschichte oder die Geschichte unserer Christengemeinden oder für das persönliche Glaubensleben besagen? 
  5. Meine Glaubensgeschichte mit Gott als eine Liebesgeschichte zu verstehen: ° Was verändert sich dabei in meinem Gottesverständnis und in meinem Glaubensverständnis?

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ökum. Bibelwoche 2004

                                                                                                  Günter Biemer